Leseproben


Alfons Lücht

Die unfassbare Geschichte des Waldemar Bürzel
- Der Stinker im Rhabarberbeet -


Leseprobe Kapitel 6:

Wir verließen Garmeiers Abteilung und standen wieder auf dem Flur und kamen an einer Tür vorbei, an der sich kein Schild befand. Bormann wollte eiligst daran vorbeigehen, doch ich hielt ihn wissbegierig am Arm fest.
„Was ist denn hier drin“, fragte ich Bormann erregt.
Dieser wurde verlegen und dachte kurz nach.
„Eigentlich darf ich ihnen darüber keine Auskunft geben, aber für sie als sehr überzeugten Deutschen… nun gut.“
Bormann schluckte und fuhr fort: „Junior ist da drin.“ 
„Junior?“
„Junior ist eben Junior. Oder korrekt gesagt Adolf Hitler Junior.“
Minutenlang herrschte Stille. Dann fing ich herzzerrreißend zu weinen an.

„Schon wieder?“
„Na ja…“, sagte Waldemar nur achselzuckend.
„Adolf Hitler Junior. Ich fasse es nicht.“

„Reißen sie sich doch zusammen, Mann“, herrschte Bormann mich an.
Doch ich konnte nicht und umarmte mit tränennassem Gesicht den sichtlich überraschten Bormann und schluchzte: „Der Führer hat einen Sohn! Mein Führer hat einen Sohn! Einen Sohn!“
Nach fünf Minuten hatte ich keine Tränen mehr und sagte: „Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass unser großer, überragender Führer einen Sohn hat. Einen Nachfolger für das übergroße Erbe. Adolf Hitler II.. Heute ist der schönste Tag meines Lebens.“
Bormann hatte nun auch Tränen in den Augen, straffte sich aber und wollte weitergehen, doch ich hielt ihn zurück.
„Ich möchte ihn so gerne sehen und ihm die Hand schütteln, Herr Bormann.“
Bormann überlegte kurz. 
„Bürzel, nicht jeder hat Junior zu Gesicht bekommen. Also gut… Aber ich muss sie darauf hinweisen, dass er ein Pekinese, nein, Liliputaner ist… immer verwechsele ich das… und sich nur sehr selten hier in unserer Öffentlichkeit sehen lässt. Ja“, sagte Bormann, als er mein entsetztes Gesicht sah, „ein Liliputaner, der hier unten 1946 das Licht unserer Welt erblickte.“
„Ein Liliputaner? Das kann nicht sein! Nein, ich will es nicht glauben…“
„Doch, Bürzel, es ist wahr.“
„Ein Kind von Adolf Hitler und Eva Braun kann kein Kleinwüchsiger sein. Es darf einfach nicht sein!“, schrie ich wie ein verwundetes Tier auf.
„Bormann, sie lügen!“
Ich griff an Bormanns Hals und schrie ihn mit funkelnden Augen an: „Sie sind ein Lügner! Sagen sie die Wahrheit!“
Der alte Martin Bormann zitterte am ganzen Leib, ließ vor Schreck einen furchtbaren Stinker fahren und antwortete weinerlich: „Beruhigen sie sich doch. Ich lüge nicht. Adolf Hitler Junior ist ein Liliputaner – oder wie sie richtigerweise gesagt haben – ein Kleinwüchsiger. Und er ist daran schuld, dass wir noch immer hier unten festsitzen.“
„Ich kann und will es nicht glauben!“
Und nach einer nachdenklichen Pause: „Mein Führer muss es schon vor Kriegsende gespürt haben, sonst hätten wir unsere Feinde noch vernichtend geschlagen.“
„Wahrscheinlich, junger Mann. Denken sie doch! Unser Führer mit einem Liliputaner als Sohn! Unvorstellbar!“

„Wahnsinn.“
Ein anderes Wort fiel mir bei der Erzählung Waldemars nicht ein.
„Kaum zu glauben, nicht wahr“, entgegnete er.

„Ich will ihn sehen“, sagte ich trotzig.
„Bitte“, Bormann öffnete eine kleine Klappe an der Tür.
Ängstlich schaute ich hinein. Zusammengekrümmt auf einem Bett lag tatsächlich ein Kleinwüchsiger. Er trug einen braunen Minianzug. Neben der Schlafstatt stand auf einem Nachttisch ein Tonbandgerät, dass Junior plötzlich anstellte. Nun konnte ich sein Gesicht betrachten, und tatsächlich hatte er eine große Ähnlichkeit mit seinem Vater. Er trug sogar das gleiche Bärtchen wie sein Erzeuger. Vom Tonband dröhnte die Stimme des Führers – eine seiner berühmtesten Reden. Junior sprang auf und stellte sich breitbeinig auf das Bett, gestikulierte wie sein großer Vater und versuchte auch synchron den Text nachzusprechen. Ich nahm Haltung an und lauschte verzückt der Rede.
Bormann sprach nun leise auf mich ein: „Kommen sie doch, bitte.“
Doch ich sträubte mich: „Ich möchte der Rede des Führers gerne noch lauschen.“
Bormann ließ mich gewähren. Als die Rede verklungen war, zuckte Adolf Hitler II. zusammen und erschlaffte. Er legte sich wieder nieder und schloss die Augen.
Nur mühsam fand ich die rechten Worte: „Unsere Zukunft liegt da drinnen!“

„Haben sie es wirklich so gesagt?“, fragte ich abermals erschüttert.
„Es schien mir in dieser Situation angebracht“, entschuldigte sich Bürzel wieder.

Bormann nickte kurz und schob mich weiter zur nächsten Tür.



Leseprobe Kapitel 23:

Aufgeregt liefen die Menschen durcheinander.
„Wer?“, fragte ich wieder.
„Dönitz.“
„Großadmiral Dönitz?“
Ich begriff nur langsam. Adolf lebt, jubelte es in mir. Er lebt! Doch dann begann ich wieder zu weinen. Dönitz war gestorben. Großadmiral Dönitz, der U-Boot-Held!

„Und er heult wieder. Klar!“
„Na und? Ich habe mich eben voll mit meiner Rolle identifiziert.“
„Ach? Wer’s glaubt…“

„Wer hat unseren geliebten Großadmiral und ehemaligen Führer-Stellvertreter umgebracht?“
„Niemand. Er ist einfach gestorben, Bürzel. Übrigens bin und war ich immer der Stellvertreter unseres Führers. Dönitz diente damals nur für die Öffentlichkeit als Aushängeschild.“
Ich schaute Bormann zweifelnd an, während wir uns mühsam den Weg durch die Menschenmassen in den Gängen bahnen mussten.
„Eine rote Ratte, ein Bolschewik hat Großadmiral Dönitz umgebracht“, sprach ich voller Pathos und Hass.
„Nein, Gauleiter“, antwortete Bormann müde, „die Altersschwäche hat ihn dahingerafft. Nichts anderes. Er ist ganz normal im Bett verstorben.“
Und er ließ wie zur Bestätigung einen fahren, dass die Wände wackelten.
„Als richtiger Deutscher stirbt man nicht einfach im Bett. Niemals! Auf dem Schlachtfeld, aber…“
Ich sprach nicht weiter, denn wir hatten das Hauptquartier erreicht.
„Krisensitzung“, murmelte Bormann besonnen.
„Für einen Deutschnationalen gibt es keine Krise“, sagte ich starrköpfig.
„Ach, halten sie den Mund“, fuhr mich Bormann an.
Wie ein geprügelter Hund zuckte ich unter der Zurechtweisung zusammen. Hatte ich überzogen? 

„Na endlich, Heulsuse“, unterbrach ich Bürzels Redefluss.
„Ich bin keine Heulsuse, Schn…“
Ich schaute ihn nur streng an und er sprach es nicht aus.

Die Wachtposten ließen uns ein. Drinnen herrschte emsiges Treiben. Sämtliche Führungskräfte waren anwesend.
„Meine Herren! Ruhe!“, schrie der Führer-Stellvertreter, „unser geliebter Führer schläft eventuell noch.“
Augenblicklich wurde es still und die Männer unterhielten sich nur noch flüsternd. So vergingen 2 Stunden, in denen Hitler nicht erschien.
Langsam wurden die Anwesenden unruhig und Bormann wandte sich an mich: „Gauleiter, es scheint, niemand hat unseren geliebten Führer davon in Kenntnis gesetzt, dass hier eine Krisensitzung stattfindet. Gehen sie und bitten Adolf Hitler uns mit seiner Anwesenheit zu beglücken.“
Zustimmendes Gemurmel hob an und ich fühlte mich geschmeichelt.
„Ich?“, stotterte ich aufgeregt und bekam feuchte Augen.
„Ja, Gauleiter. Bitten sie ihn zu kommen!“ 
Ich stand zackig auf und bedankte mich überschwänglich bei Bormann und den anderen und sagte abschließend: „Ich werde mein Bestes tun. Für unser deutsches Vaterland!“
Eilig verließ ich das Hauptquartier und lief so schnell ich konnte zum Wohntrakt Hitlers. Für diesen Augenblick hätte jeder Nationalsozialist sein Leben gegeben.

„Oh, Mann, Bürzel…“, brummte ich.
„Was denn?“

Außer Atem kam ich an. Vor der großen Tür stand ein rüstiger 80-jähriger Greis.
„Wohin“, herrschte dieser – seiner Macht voll bewusst – mich an.
„Zum Führer“, antwortete ich zackig.
„Wer sind sie?“
„Gauleiter Waldemar Bürzel – Memelland!“
„Ich kann sie nicht vorlassen. Der Führer schläft!“
„Ich muss dringend zu ihm. Ich bin ein Deutscher. Ein Kerndeutscher und vollkommen wurzelecht. Das deutsche Volk braucht ihn! Martin Bormann und die anderen Unterführer warten im Sitzungsraum auf Addi!“
„Addi? Mäßigen sie sich, sie junger Schnösel!“
Der rüstige alte Herr sagte dann aber milde: „Das deutsche Volk hat Vorrang! Ich benachrichtige Eva Braun.“
Der alte Wachsoldat ging hinein und kam ein paar Minuten später mit ihr zurück. Ich kniete nieder und küsste ehrfurchtsvoll den Kleidersaum der Greisin.

„Mein Gott“, entfuhr es mir.
„Und“, fragte Waldemar nur und grinste.

Gerührt fragte sie: „Ein Deutscher? Ach, sie sind es…“
„Mit Haut und Haaren, Frau Hitler.“
„Sagen sie Eva zu mir.“
„Eva? Darf ich es wagen?“
„Ja, keine Angst. Atze stört das nicht.“
„Oh, Eva. Sie waren schon immer mein Schwarm!“
„Kommen sie rein, sie netter Mensch.“
Eva war ganz in braun gekleidet. Sie führte mich in das reich ausgestattete Wohnzimmer. Auf dem riesigen Sofa lagen zahlreiche bestickte Kissen herum.
„Setzen sie sich“, forderte sie mich auf, stopfte mir ein braunes Kissen in den Rücken und sah mich gespannt an.
„Äh, ja“, begann ich, „ich muss dringend den Führer zum Hauptquartier bringen. Es geht um den Tod von Großadmiral von Dönitz!“
„Dönitz? Dönitz? Irgendwo habe ich den Namen schon mal gehört. Dönitz?“
„Frau Hitler… Eva, Dönitz war doch der Nachfolger ihres Mannes im Dritten Reich! Erinnern sie sich nicht?“
„U-Boot Dönitz?“
„Genau der, gnä‘ Frau… Eva.“
„Und der ist tot? Richtig tot?“
„Jawohl!“
„Ich mochte ihn nie. Er bildete sich immer was auf sein „von“ ein. Tja… Ach so, sie müssen die Beerdigung besprechen. Richtig?“
„Genau, Eva“, säuselte ich.
„Er ist ein Guter“, sagte Eva Braun und tätschelte meine Wangen.
Und ich war selig.

„Klar“, unterbrach ich wieder kopfschüttelnd.
„Na und?“
„Sie sind ein richtiger Opportunist und Nazi.“
„Nee.“
„Und alte Weiber anmachen. Ist ja ekelhaft!“
„Was wissen sie schon von Eva? Sie haben ihre überwältigende Aura nicht gespürt. Ihre Ausstrahlung… einfach atemberaubend.“
„Ach, Bürzel, erzählen sie bitte weiter, bevor mir vor Rührung die Tränen kommen.“

„Dann muss ich wohl Atze wecken?“
„Es wäre zu wünschen, geliebte Eva.“
„Sie Guter!“, säuselte sie, „nun, gut.“
Stöhnend stand sie auf und ging zu einer Tür.
„Kommen sie mit, sie netter junger Mann.“
„Jawohl“, antwortete ich schneidig.
In das Schlafzimmer Adolf Hitlers drang kein Lichtstrahl. Ich stieß sogleich gegen einen Schrank, den ich in der Dunkelheit nicht gesehen hatte. Auf Zehenspitzen gingen Eva Braun und ich zum Kopfende des Bettes. Der Führer schnarchte leise. Vorsichtig knipste sie die Nachttischlampe an. Verzückt betrachtete ich das Gesicht des Führers – seine germanischen Züge waren einfach göttlich. Hitler sah wohl wie ein Greis aus, aber er war der Führer, eine Lichtgestalt der deutschen Geschichte.

„Lichtgestalt? Bürzel, sie haben einen großen Vogel!“
„Hab ich nicht“, sagte er ungerührt und fuhr fort.

„Addi“, flüsterte Eva Braun.
Doch er schnarchte ungerührt weiter.
„Atze“, nun lauter und fordernder.
Ihr Mann schien sie nicht gehört zu haben. Fasziniert und atemlos wohnte ich diesem Schauspiel bei.
„Addi! Atze!“
Der Führer schlief fest.
„Opa, hoch mit dem Arsch“, schrie sie plötzlich laut.
„Was, was?“, Hitler rührte sich, „wer hat Opa zu mir gesagt?“
„Ich, Addi.“
„Eva, sag das nie wieder!“
„Hier, der junge Mann“, sie deutete auf mich, „will dich zum Hauptquartier bringen. Es geht um den Todesfall von Dönitz.“
„Wer ist tot?“
„Großadmiral von Dönitz, Addi.“
Ungläubig starrte Hitler seine Frau an und fragte: „Dönitz? Unser Dönitz?“
Eva Braun nickte.
„Helft mir auf“, befahl der Führer mit trauriger Stimme.
Ich wuchtete den Führer hoch.
„Wer ist der junge Mann?“, fragte Hitler auf einmal.
„Sie kennen mich, mein Führer. Sie haben mich gestern zum Gauleiter des Memellandes ernannt. Waldemar Bürzel.“
„Bürzel? Wer ist das?“, fragte der Führer barsch.
„Ich, der Gauleiter vom Memelland“, antwortete ich kleinlaut und ängstlich.
„Welcher Gauleiter? Eva, wer ist dieser junge Mann?“
Eva Braun schüttelte missmutig ihren einst schönen Kopf und nahm eine Karaffe mit einer braunen Flüssigkeit vom Nachttisch.
„Hier, Addi. Dein Lieblingsgetränk aus Braunau.“
Sie setzte ein Glas an Hitlers Mund. Gierig trank der Führer, den das Getränk sichtlich stärkte. Mit nun wachem Blick musterte mich Hitler.
„Bürzel?“
„Jawohl“, antwortete ich glücklich.
„Rufen sie meine Leibwache!“
„Jawohl!“
Ich war froh, dass der Führer mich endlich erkannt hatte und rannte hinaus.
„Wache! Wache!“, schrie ich aus Leibeskräften.
Sofort kamen 4 Mann angerannt.
„Der Führer befiehlt…“
„… wir folgen“, riefen sie.
Der Führer saß aufrecht im Bett und blickte die Wachen befehlend an: „Ich möchte aufstehen.“
Hilfreich hoben die 4 Wachen mit meiner Hilfe Hitler vom Bett und setzten ihn vorsichtig auf einen Rollstuhl, den Eva Braun keuchend herbei geschoben hatte.
„Uniform“, bellte Hitler.
Eine Wache griff ehrfurchtsvoll zur bereit liegenden Gefreitenuniform und reichte sie an mich weiter. Mit zitternden Händen hielt ich die Uniform hoch.
„Los, Bürzel. Anziehen!“, befahl der Führer.
„Und ihr Nachthemd, mein Führer?“
„Behalte ich unter der Uniform natürlich an. Wie immer!“
Mit dem Kopf schüttelnd betrachtete Hitler mich, wobei mein Gesicht nun rot anlief.
„Jawohl.“
„Auf“, schrie der Greis schließlich die Wachen an.
Sie wuchteten Hitler hoch. Die Beine des Führers baumelten dabei kraftlos in der Luft.
„Nun die Hose“, raunte mir Eva zu.
Vorsichtig stülpte ich Hitler die Hose über.
„Runter!“
Der Führer saß nun in Uniformhose da und hob die Arme. Diensteifrig half ich Hitler beim Anziehen der Jacke.
„Gut gemacht, Bürzel“, sagte der Führer anerkennend und ich bekam vor Freude rote Ohren. 
„Addi, der Hosenschlitz…“, meinte Eva Braun noch.
„Oh, ja.“
Sofort sprang ich heran und nestelte am Hosenschlitz Hitlers herum.
„Finger weg“, brummte Eva Braun, „das ist meine Sache.“
Pikiert und enttäuscht trat ich zurück. Liebevoll half Eva ihrem Mann, der nun vollkommen angezogen in seinem Rollstuhl saß.
„Los“, bellte mich Hitler an.
Ich nahm Haltung an und schrie: „Jawohl“. 
Eva ließ uns hinaus, während die Wachen wieder zurück auf ihre Posten gingen. Ich schob den Stuhl mit Hitler andächtig und vorsichtig durch die Gänge. Überall hoben Männer den Arm zum Gruß.
Und ich war so stolz!

„Ist klar, Mann“, meckerte ich Bürzel an, „sie wissen doch wie viele Verbrechen Hitler zur Last gelegt werden. Der Weltkrieg, die massenhaften Ermordungen und und und… Und sie sind stolz?“
„Es war irgendwie ein heiliger Moment. Magisch! Und so erhaben! Eben etwas ganz Besonderes, Schnulli.“
Nun hatte er es doch wieder gesagt und ich blickte ihn böse an.
„Ich erzähle am besten gleich weiter“, beeilte sich Waldemar zu sagen.


Leseprobe Kapitel 24:

Vor dem Hauptquartier salutierten die Wachen und öffneten eiligst die Tür für Hitler und mich.
„Heil Hitler“, schrien die Wartenden, als der Führer endlich unter ihnen war. 
Ich schob den Rollstuhl an die Spitze des Sitzungstisches.
„Auf“, schrie Hitler.
Diensteifrig sprangen einige Sitzungsteilnehmer ihrem Führer bei, um ihn aus dem Stuhl zu heben. Bormann schob seinem Chef den Polstersessel hin und raunte mir: „Gut gemacht“ zu, worüber ich mich sehr freute.
„Nehmen sie Platz, meine Herren“, sagte Hitler freundlich.
Und nach einem kurzen Sesselrücken trat endlich Ruhe ein.
„Meine Herren“, begann der Führer, „dieser junge Mann“, er deutete auf mich und ich lief sofort rot an, „sagte mir, dass unser aller Freund Großadmiral von Dönitz verstorben ist. Bormann, was sagst du dazu?“
Müde blickte der Führer Bormann an. Dieser stand auf und öffnete den Mund, als plötzlich ein merkwürdiges Geräusch erklang.
„Nun los“, drängte Hitler, der nichts gehört hatte.
„Äh, wir müssen eine Abordnung nach oben entsenden, damit…“
Wieder verstummte der Führer-Stellvertreter, denn es roch auf einmal äußerst ekelhaft.
„Weiter, weiter.“
Doch Bormann verzog die Nase und schnupperte.
„Deutsche, was ist los?“, schrie Hitler seinen Leuten zu, die alle ihre Nasen zuhielten, „Deutsche?“
„Es stinkt, aber ich war es nicht, mein Führer. Ich glaube, die Rohre sind geplatzt“, meinte Martin Bormann zögernd.
„Was für Rohre?“
„Die Abflussrohre von oben, mein Führer.“
„So eine Schweinerei“, sagte Hitler resigniert.
„Sie sagen es überdeutlich“, warf ich mutig ein und nahm dabei kurz die Hand von Mund und Nase. 
Plötzlich schrillten die Sirenen.
„Alarm“, sagte Hitler nachdenklich und sehr müde, „bringt mich fort.“
Doch es kam nicht mehr dazu. Der Inhalt der Abflussrohre schoss mächtig und penetrant stinkend in den Raum. Es durchdrang Türen und Wände.
„Wir sind verloren!“, schrie Martin Bormann verzweifelt.
Bald stand im Saal das Schmutzwasser einen Meter hoch. Und es floss ohne Unterlass immer weiter. Die Männer waren längst aufgesprungen und suchten sich zu retten, doch es gab kein Entrinnen.
„Hilfe“, schrie Hitler, „zu Hilfe! Deutsche, ihr wunderbaren Deutschen rettet mich!“
Aber es gab keine Rettung. Auch der sonst so besonnene Martin Bormann stand fassungslos im Raum.
„Es ist vorbei, mein Führer“, sagte Bormann leise. 
„Soll es so enden?“, flüsterte Hitler weinend.
Ich kämpfte mich langsam durch die widerlichen Dreckmassen und erreichte den greinenden Adolf Hitler, der nun „Eva, wo bist du“, pausenlos rief.
„Mein Führer, ich rette sie!“, schrie ich voller Zuversicht.
Vertrauensvoll blickte der schon bis zum Hals im Dreck steckende Hitler auf. Ich nahm Adolf Hitler, den Führer des Großdeutschen Reiches huckepack.
„Ich rette sie“, wiederholte ich Mut machend. 

„Mann, Bürzel…“, mehr brachte ich nicht heraus.
„Und?“, fragte er.
„Ein gerechtes Ende!“, resümierte ich.
„In Scheiße?“, entgegnete Waldemar, „nee, nee. Nicht in Scheiße.“ 

Aber ich hatte gelogen. Ich stand nun mit Hitler auf dem Rücken in der Brandung des Drecks und wartete auf den Tod. Ich wusste, dass es keine Rettung gab, denn der Zufluss ließ nicht nach. Ich wollte wie ein Held sterben. Im Tode mit dem Führer vereint.

„Klar, Bürzel. Da haben sie wieder einmal ihr wahres Gesicht gezeigt!“
„Jawohl, mein mutiges…“

In diesem bestialischen Gestank stand ich still und stark. Nach und nach versanken die Männer in der Scheiße. Einige schrien im Todeskampf, aber andere versanken ohne zu jammern.
„Leb wohl, mein Führer“, rief Martin Bormann Hitler zu, kurz bevor die Abwässer ihn töteten.
Dann waren plötzlich nur noch Hitler und ich übrig.
„Wir sind die letzten richtigen Deutschen“, murmelte ich traurig, „es ist vorbei, mein Führer.“
„Ich will nicht sterben“, sagte Hitler müde.
„Sei doch ruhig, Adolf“, antwortete ich fast schon respektlos.
„Adolf? Was erlauben sie sich, Bürzel!“
„Im Angesicht des Todes wollte ich sie einmal Adolf nennen“, entschuldigte ich mich kleinlaut.
Hitler brummte nur böse.
Als mir der Dreck bis an dem Mund stand, schrie der Führer plötzlich noch: „Soll wirklich alles so ehrlos enden? Ich will nicht mit Scheiße im Mund sterben!“
Es waren seine letzten Worte.
„Mein Führer, ich habe sie immer geliebt“, antwortete ich, ihn noch auf meinem Rücken spürend, bevor auch ich in den Abwässern versank. 
Und mit mir ertrank der Führer des Großdeutschen Reiches Adolf Hitler in den stinkenden Abwässern der Stadt.

„Was für ein Ende!“, rief ich begeistert, „wirklich eine tolle Geschichte, Bürzel! Aber sie haben immerhin die braune Flutwelle überlebt.“
„Wie durch ein Wunder! Ob ich tatsächlich der einzige Überlebende dieses großen Unglücks bin?“
„Es sieht so aus.“