Leseprobe


Anselm Erpel von Hohlkreutz:


Schwitzend unter Hauseidechsen und Kurzschwanzkatzen


- Tagebuch über eine Reise in die philippinische Provinz -

Tag 6:
Dienstag, 28.01.2014:

Heute Nacht hat uns wohl eine Eidechse im Bett besucht. Oder war es doch etwas anderes? Vielleicht eine Riesenkakerlake? Gesehen haben wir das Tier nicht, aber gespürt und verscheucht. Oder war es doch eher eine Maus? Frühes Aufstehen. Frühstück wieder mit Spiegelei. Daran könnte ich mich gewöhnen. Und nicht zu vergessen die halbe Malaria-Tablette. Mit dem Tricycle fahren meine Süße und ich zu ihren Eltern. Endlich wieder Tricycle-Fahren – 15 Jahre musste ich darauf verzichten. Das Haar meiner Süßen weht mir ins Gesicht. Es duftet wunderbar. Die Fahrtkosten betragen 14 Pesos (7 Pesos pro Person) = circa 25 Eurocent für einen relativ langen Weg.

Tricycles sind als Motorrad-Taxis konzipiert. Sie dienen zur Personen- und Lastenbeförderung und bestimmen vielerorts das Straßenbild. Sie sind zahlreich, laut und oft vollkommen überladen.

Bei meinen Schwiegereltern sollen/wollen wir zu Mittag essen. Während die einheimische Bevölkerung von einer sibirischen Kältewelle spricht, ist es mir hier in der Sonne zu heiß, sonst mit Wind und im Schatten kann man es gut aushalten. Es werden wohl minimal 20 Grad Celsius gewesen sein, aber die Luftfeuchtigkeit… In den Bergen der Insel Negros sind hunderte Kampfhähne und Schafe wegen der sogenannten »Kälte« verendet. Der Weg zum Haus ist ein wahres Labyrinth. Ein schmaler Betonpfad schlängelt sich kreuz und quer durch eine Unmenge von kleinen Steinhäuschen, ziemlich armseligen Hütten und kleinen Lädchen und Verschlägen auf allerengstem Raum. Ob ich das Haus alleine wiederfinden würde? Ich weiß es nicht. Vor 25 Jahren fand ich es irgendwie einfacher, da begegnete uns täglich ein Ziegenbock und das Dach eines Hauses ragte so in den Weg hinein, dass ich aufpassen musste mir nicht jedes Mal den Kopf daran zu stoßen. Das Haus meiner Schwiegereltern wurde vor einigen Jahren gründlich renoviert, beziehungsweise praktisch neu erbaut. Ich erinnere mich noch gerne an meinen ersten Besuch dort. Aus Bambus, Schilf, Holz und Blech bestand damals das Haus. Und auf Pfählen stand es. Unter dem Haus lebten viele Hühner mit ihrem Wachhund. Und vor dem Haus gab es einen kleinen Verschlag mit einem Schwein. Und auch dieses Nutztier hatte seinen eigenen Wachhund. Ja, so war es damals. Nun ist das Haus gemauert und innen teilweise auch mit einer Zwischendecke aus Holz versehen. Die hölzerne Haustür ist von außen schon kräftig von Termiten bearbeitet worden. Diese Schäden sieht man überall, wenn Hölzernes draußen für die kleinen Viecher frei zugänglich ist. Nachbarn kochen, nutzen Toiletten – auch einfachster Bauart, halten Hühner, Schweine, Hunde, Katzen und es gibt offene Feuer, wo wohl auch teilweise Müll verbrannt wird. Und es stinkt. Aber das Mittagessen schmeckt trotzdem sehr gut.
Zwischendurch poltert es gewaltig auf dem Wellblechdach.
»Es ist nur eine Katze, die eine Ratte jagt«, sagt meine Schwiegermutter locker. Na ja, dann…
Ich schreibe zwei Postkarten und wir fahren mit dem Tricycle zur Post und schicken sie ab. Meine Süße trifft dort noch eine Bekannte und wir schlendern anschließend etwas in der Stadtmitte herum. Für sie sind es acht Jahre, die sie nicht mehr in ihrer alten Heimat war und sie kennt sich kaum noch in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend aus. In der Sonne ist es einfach zu heiß und wir stellen uns in den Schatten eines neuen Bekleidungsgeschäfts. Sofort kommt eine junge, hübsche Angestellte heraus und bittet uns hinein. Ah, eine Klimaanlage. Herrlich. Meine Süße durchstöbert die Sachen – der Laden ist neu, sehr sauber und modern – und kann sich aber nicht zu einem Kauf entschließen. Danach besorgen wir Banana-Sticks, die wir bei Papang und Mamang essen. Sehr, sehr lecker.

Banana-Sticks sind Spieße mit Bananenscheiben – in Öl gebraten und mit braunem Zucker bestreut.

Ich lese ein wunderbares Buch: »Der Makedonier«. Ein Werk über den Werdegang von König Philipp – nicht der Namensgeber der Philippinen, sondern der Vater von Alexander dem Großen. Soviel wie hier während unseres Philippinen-Urlaubs habe ich schon Jahrzehnte nicht mehr gelesen. Toll. Sollte man vielleicht öfter machen. Aber hat man im Alltag dafür genügend Zeit? Chillen, schwitzen, lesen, zwischendurch essen und trinken, schlafen – und das Atmen nicht vergessen, das ist mein normaler Tagesablauf. Einfach wunderbar.
Mein Schwiegervater war sehr krank, aber er scheint sich in den letzten Wochen gut erholt zu haben. Auch Mamang wirkt relativ fit, nur langes Stehen kann sie gesundheitlich nicht mehr vertragen. Auch das Abendessen nehmen wir hier ein, darunter eine großartig schmeckende Kürbissuppe, die mit Shrimps durchsetzt ist. Lecker! Anschließend geht es per Tricycle zurück zu Maggies Haus und ins Bett.