Leseprobe 1

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -


Hannover und der Star


Dean Ogilvie Makelove, von seinen Fans einfach nur D. genannt, war im Jahre des Herrn 950 wieder einmal auf großer Deutschland-Tournee. Ihn kannte man als den englischen Minnesänger mit der Gitarre und seine Liveacts wurden von den Fans heiß geliebt. Obwohl er von ihnen regelrecht vergöttert wurde, war D. gerade nicht besonders glücklich, einmal wegen seines stark zurückgehendes Haares, weswegen er nun fast immer einen breitkrempigen Hut trug und zum anderen an der enormen Erwartungshaltung des Publikums. Außerdem hatte er im Moment gerade eine Schaffenskrise und da er seine Lieder selber schrieb, war dieses schon eine existenzielle Bedrohung, die er überwinden musste. Aber D. Makelove war auch ein schwacher Mensch und ertränkte gerne seinen Kummer in Alkohol. Und es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass D. betrunken auf der Bühne stand und dann vor 2000 erwartungsvollen Fans lallte und stolpernd hinfiel. Aber sie verziehen ihrem Idol alles.
Als D. eines schönen Tages im August am Leineufer stand, fühlte er sich so leer und nicht im Stande am Abend dort aufzutreten. Sein Manager Peter Michael Kasting, der schon im Vorverkauf mehr als 1000 Karten abgesetzt hatte, bekam einen Tobsuchtsanfall, als er dieses von D. erfuhr. D. Makelove ging zurück zum Gasthof und sprach dem Alkohol mehr als kräftig zu. Kasting war verzweifelt, denn die Aussicht das Geld für die bereits verkauften Karten wieder herzugeben, bereitete ihm körperliche Qualen.
Aber knapp eine Stunde vor dem eigentlichen Konzertbeginn hatte er eine glänzende Idee. Als das Publikum erwartungs-voll auf einer Wiese an der Leine Platz genommen hatte, trat Peter Michael Kasting auf die Bühne und unterrichtete sie, dass aus Krankheitsgründen leider das Open-Air-Konzert D. Makeloves ausfallen müsse, aber er ein Ersatzevent anbieten könne, nämlich die Suche nach einem geeigneten Sänger oder einer Sängerin, der oder die als Special Guest D. auf seiner weiteren Tournee begleiten dürfe. Das zuerst tieftraurige Publikum war begeistert. Mehr als 100 Leute, die sich dazu berufen fühlten, meldeten sich. Kaum hatte Kasting die Reihenfolge der Auftritte festgelegt und er selbst zur Klampfe gegriffen, als D. schwankend auf die Bühne trat. Jubel brandete auf. D. Makelove hatte etwas geschlafen, war aber noch angetrunken und hielt sich den Kopf, weil er starke Kopfschmerzen hatte.
D. verbeugte sich kurz und sagte nur entschuldigend: „Hangover.“
Dass damit nur sein Kater nach dem exzessiven Alkoholgenuss gemeint war, verstand damals kaum jemand, da die englische Sprache in der deutschen Bevölkerung tatsächlich nur von wenigen einigermaßen beherrscht wurde. Aber die Fans waren glücklich ihr Idol auf der Bühne zu sehen. D. Makelove, der eigentlich singen wollte, wurde von Peter Michael Kasting auf einen Stuhl gesetzt und flüsternd über seine Pläne zur Rettung des Abends unterrichtet. Notgedrungen war der Star einverstanden und das Casting, benannt nach seinem Erfinder Peter Michael Kasting, begann.
Die Leistungen der Möchtegern-Stars waren in der Regel unterirdisch, dafür aber deren Selbstbewusstsein enorm. Makelove fungierte als Jury und hob oder senkte den Daumen, das das Weiterkommen in den Recall – der nächsten Runde, wie der Klampfe spielende Manager es bezeichnete, oder das Aus für ein hoffnungsvolles Talent bedeutete. Die Veranstaltung bot viele Kuriositäten und das Publikum amüsierte sich ausgezeichnet. Nach geschlagenen 5 Stunden stand endlich die Gewinnerin fest. Leopoldine Milchmeyer, blutjung, brünett und nicht unhübsch, wurde zur umjubelten Siegerin. Am nächsten Tag reisten D. Makelove, Kasting und Leopoldine mit ihren Roadies ab. Der Star und sein Manager kehrten nie wieder an die Leine zurück, während die glückselige Leopoldine bald wieder daheim war und noch lange von ihrer kurzen, aber wunderbaren Künstlerkarriere erzählen konnte. 
Die Wiese an der Leine, wo einst D.’s Bühne gestanden hatte, wurde zur Kultstätte für die Fans, die sich dort sogar häuslich niederließen. Der eine oder andere Merchandising Shop folgte bald. Die Fans erinnerten sich mit Tränen in den Augen an das legendäre Wort, was D. Makelove ihnen – trotz seiner schweren Erkrankung, wie sie meinten – zugerufen hatte und nannten diese Siedlung an der Leine deshalb Hangover. Mit den Jahren wurde aus Hangover, als sich schon niemand mehr an D. Makelove und Kasting erinnern konnte, der Name Hannover.