Leseprobe 10

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -


Würzburg und der Gesang


Die Niederholzner Maria war eine wunderschöne Frau, der schon in sehr jungen Jahren die Männer scharenweise hinterherliefen. Unter ihnen befand sich auch Thaddeus Spickmann, der als Erfinder des Spickzettels gilt, den er bei einer Klausur zum Thema „Moderne Kommunikation“ erstmals erfolgreich einsetzte. Auch der Entwickler des Paniermehls, der Wamperl Alois, ein Metzgergeselle, gehörte zu den hartnäckigsten Verehrern der schönen Frau. Und vor diesem extremen kein „Nein“ akzeptierenden Wamperl Alois flüchtete die junge Maria, die aus den Niederungen Oberbayerns stammte, und gelangte anno Domini 667 in die Nähe des Mains und blickte von einem Berg hinab zum Fluss.
Voller Begeisterung sagte sie zu sich (hier ins Hochdeutsche übersetzt): „Hier gefällt es mir. Ich bleibe.“
Die Niederholzner Maria hatte etwas Geld und dank einer gerade eingeführten Wohnungsbauprämie ließ sie sich ein kleines Häuschen auf dem Berg erbauen und eröffnete einen kleinen Laden. Sie versorgte von nun an die in einigen weit auseinander liegenden Höfen lebenden Menschen mit allerlei Würzkräutern wie Liebstöckel oder Minze. Aber auch Salz, Essig, Wein, Knoblauch, Ingwer und sogar Honig gab es bei ihr zu kaufen. Ein kleines Schild mit dem Schriftzug „Marias Würzkraut“ zierte das kleine gepflegte Haus der bildhübschen Frau. Schon bald gehörte auch ein adliger Herr zu ihren Kunden, der gerne auch mal zum Vergnügen ihre ganzen Gewürze aufkaufte. Er verliebte sich in sie und ließ in unmittelbarer Nachbarschaft eine kleine, feine Burg erbauen. Er nannte sie Würzburg und der Berg erhielt bei dieser Gelegenheit gleich auch einen Namen und wurde nun Marienberg nach der  Gewürzhändlerin genannt.
Als Pippin Freiherr Mausbart nur fünf Jahre später bei einem vollkommen unnützen Feldzug nicht nur vom Pferd, sondern auch in sein Grab fiel, begann die trauernde Maria zu wehklagen. Vier Wochen lang wehklagte sie ohne Unterlass, aß nichts und brach schließlich erschöpft zusammen. Aber Marias Wehklagen hatte den ehemaligen zweiten Vorkoster des Freiherrn Pippin, Gotthilf Fischbeck, dermaßen inspiriert, dass der Mann – talentiert bis hinunter zum kleinen Zeh – anhand Marias Tonfolgen Lieder zu schreiben begann. Auch Fischbeck war ein großer Verehrer der schönen Maria und hatte in seiner Funktion auf der Burg auch beruflich mit ihr zutun gehabt. Aber durch ein Magenleiden war er arbeitsunfähig und daher arbeitslos geworden und hatte sich wie zahlreiches anderes Volk zwischen der Gewürzhandlung und der Burg angesiedelt. Da er die Frauen und die Musik liebte, fasste Gotthilf Fischbeck den Entschluss einen Frauenchor zu gründen. Damals wurde sonst nur in den Kirchen und Klöstern gesungen. Bevor er die ersten Frauen für seinen Plan gewinnen konnte, stand für ihn schon der Name seines Chores fest. Er sollte „Die Gewürzmädchen“ heißen. Die ersten „Spice Girls“ der Musikgeschichte.
Maria war inzwischen gesundet und führte ihren Laden mit wehem Herzen weiter, während Pippin Freiherr Mausbarts Erbin Sieglinde zu Steinbach-Steinreich-Steinbach in die Burg gezogen war. Freifrau Sieglinde war als „die blutige Sieglinde“ bekannt, denn in den damals angesagtesten Gourmettempeln sah man sie zuerst nur Blutwurst verzehren. Eine sehr einseitige Ernährung, aber später stellte sie sich auf Hühner in jedweder Form um. Wenn Sieglinde an einem Hühnerstall vorbei schritt, spürten die Tiere instinktiv die Gefahr, die von der Freifrau ausging, deren Magen man schon als Hühnerfriedhof bezeichnen konnte. Aber auch Sieglinde war sehr musikalisch, besonders wenn sie das Mark aus den Hühnerknochen heraussaugte, ertönten manchmal Laute, die bei Fischbeck massiv Gänsehaut erzeugten.   
Nach nur einem Jahr Probe feierte der 12-köpfige Frauenchor in Würzburg seine Premiere und begeisterte das Publikum und die anwesende Freifrau Sieglinde. Gotthilf Fischbeck begann daraufhin eine große Deutschlandtournee mit den „Gewürzmädchen“ zu planen. Die schöne Niederholzner Maria übernahm für den Chor das Management, sodass sich Fischbeck voll auf das Künstlerische konzentrieren konnte. Die Tournee wurde ein großer Erfolg. Der Wohlklang, die Rhythmik und natürlich das Aussehen der Damen – darauf hatte Gotthilf bei der Auswahl besonders Wert gelegt, ließen die männlichen Fans derart in Verzückung geraten, dass sie voller Euphorie – auch das war eine Premiere – die damals obligatorischen Outdoor-Fußlappen und ebenso ihre langen Unterhosen auf die Bühne warfen. Zum Repertoire der „Gewürzmädchen“ gehörten nicht nur Klagelieder, sondern auch fröhliche Stücke, die bald darauf ganz Deutschland erobern sollten. Die Würzburger Frauen erzählten mit ihren Gesängen authentische Geschichten, deren größter Chartbreaker „Würz’ dein Leben“ wurde. 
So wurde Würzburg und nicht Wien, London, Konstantinopel oder Kleinbonum der Mittelpunkt der musikalischen Welt, wie die Financial Times Deutschland damals schrieb.