Leseprobe 3

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -


Kassel und der Zirkus


Kurt Gonzales, ein Halbspanier aus dem Fichtelgebirge, liebte die hessischen Lande ungemein und verbrachte sehr viel Zeit damit das schöne Land zu durchwandern. Die Feudalherren Hessens bekriegten sich gerne und so verdiente er sich seinen Lebensunterhalt auf dem Felde der Ehre oder der Bauern, je nach dem wo gerade etwas zu verdienen und zu tun war. Übrigens kommt der Begriff des Feudalherrn aus dem Norddeutschen, wo es einst Feudelherr hieß. Ein Feudel ist ein Putzlappen zur Feucht-reinigung des Bodens. Somit war der Feudelherr Chef über alle Putzfrauen, stellte sie ein oder aus und hatte große Macht auch über das gesamte andere lebende und tote Inventar.
Am 12. Juli 903 ging Kurt gerade vergnügt durch den Reinhardswald – benannt nach Landgraf Reinhard Oswin XXIV. den Furchtsamen, der sich nur laut pfeifend und mit Begleitschutz in den Wald gewagt hatte – und lauschte den Vögeln, als er durch lautes Schnarchen aus seinen philosophischen Gedanken gerissen wurde. Die Vögel suchten schon das Weite, denn bei dieser Geräuschkulisse war unter ihnen eine Kommunikation unmöglich geworden. Kurt Gonzales fand den Ruhestörer bald, dabei stolperte er fast über die langen Beine des ziemlich zerlumpten, älteren Mannes, der nun aufwachte, kurz aufschrie und dank des freundlichen Gesichts Kurts dann doch lächelte. Er stellte sich als Professor Burghardt Vordermühle vor, der als fahrender Zirkus-direktor durch die Lande zog. Aber nun, wie er sagte, wolle er in den Vorruhestand gehen – Altersteilzeit gab es damals noch nicht – und war auf der Suche nach einem Nachfolger für den Zirkusdirektorenposten. Gonzales horchte auf. Ein eigener Zirkus wäre nicht schlecht, denn er liebte Menschen, Tiere, Sensationen. Kurt bekundete sein Interesse, aber gleich mit dem Eingeständnis nicht viel Geld zu besitzen. Direktor Vordermühle musterte ihn von oben bis unten und regte einen Tausch ihrer Beinkleider an. Ein skurriles nicht unbedingt ästhetisches Bild, was die beiden Herren dabei boten! Außerdem verlangte Vordermühle Kurts ziemlich neues Poloshirt, seine Dienstagsunterhose und das Geld, was er noch besaß. 
„Dein Zirkus steht dort am Bach“, sagte Direktor Burghardt Vordermühle noch, deutete nach Norden und verabschiedete sich schnell.
Freudig wandte sich Kurt Gonzales gen Norden, fand aber nicht das erwartete Zirkuszelt oder die Zirkuswagen, sondern nur einen kleinen, bunt bemalten Holzkasten, den er nun öffnete. Ausgehungerte Flöhe sprangen ihn sofort an und begannen von Kurt Blut abzusaugen. Er hatte einen Flohzirkus gekauft. Er fasste es nicht, wie konnte man nur so naiv sein. Drei Tage hielt er es mit seinen Plagegeistern aus, dann hatte er genug von den juckenden Zapfstellen auf seiner Haut und entledigte sich per brutalem Handstreich seiner Peiniger. Er war wie befreit, aber auch enttäuscht. Aus war es mit seinem Zirkus. Dann entdeckte er unter den maroden Bodenbrettern seines Kastens eine kleine, verträumte Assel. Ob männlichen oder weiblichen Geschlechts konnte er nicht ausmachen, so nannte er die Assel einfach Fritz nach einem Onkel mütterlicherseits, der als Saufaus noch zu Lebzeiten zu einer Legende geworden war. Das war die Geburtsstunde des ersten Asselzirkusses der Welt. Fritz, die Assel, war wohl nicht so stark wie ein Floh, aber Kurt Gonzales modifizierte die filigranen Flohwägelchen so, dass die Assel sie ziehen konnte. Fritz war ein sehr gelehriges Tier, das nur etwas morsches Holz zum Leben benötigte. Bald waren Kurts Flohzapfstellen verheilt und er ging mit seinem Asselzirkus auf Tournee. Es wurde ein großer Erfolg und die Kasse klingelte vergnügt.
Eines Tages gab er in einem kleinen Dorf in der Nähe des Reinhardswalds eine Vorstellung, wo Fritz, sein Star, eine überragende Leistung bot. Einer der Zuschauer war der beleibte Bäckermeister Giovanni Knetmann, dessen gewaltiger Bauch eine freie Sicht auf Fritz absolut nicht zuließ. So beugte er sich, um besser sehen zu können, mit Hilfe Kurts so tief über die vor Anstrengung schwitzende Assel herunter, dass er plötzlich sein Gleichgewicht verlor und mit seinem Gesicht direkt in den Zirkuskasten stürzte. Die arme Assel überlebte diesen Unfall tragischerweise nicht. Als Giovanni Knetmann schwer atmend wieder saß, fand man das Tierchen zerquetscht und klebend auf seiner dicken, roten Nase. Ein Star war gestorben. Die Überreste konnten abkratzend geborgen werden. Der Bäckermeister, der als Erfinder der Rumkugel gilt, das auch seine extrem rote Nase nachhaltig erklärte, war untröstlich. Für Kurt Gonzales war ein Traum zu Ende gegangen. Der Asselzirkus war tot. Die für ihn glücklichste und erfolgreichste Zeit seines bisherigen Lebens war unwiederbringlich dahin.
Verzweifelt erbaute Kurt für seine Assel vor Ort einen Schrein. Er selbst verließ tieftraurig und gebrochen das Hessenland und kehrte nie wieder zurück. Um den Schrein herum siedelte sich bald eine Menge Volk an. Der ursprüngliche Siedlungsname „Kurts Assel“ erschien den Menschen zu lang, deshalb nannten sie ihren Ort kurz Kassel.