Leseprobe 5

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -


Pforzheim und das Blasorchester


Mitte des 11. Jahrhunderts lag am Nordrand des Schwarzwalds der kleine Ort Furzheim, benannt nach einer Manie des Markgrafen Petrus III., der neben Kohlsuppe auch die Fäkalsprache über alles liebte. Anlässlich des 25-jährigen Dienstjubiläums des Markgrafen war eine große Jubelfeier in Furzheim geplant. Das Festkomitee, unter Leitung der Markgrafenmutter Pamela, engagierte den stellvertretenden Musikdirektor der berühmten Jorker Mett, Carlos Mösinger – ein Kind Furzheims – ein Werk für ein Blasorchester zu komponieren und es zu Ehren des Markgrafen im Zuge der Feierlichkeiten zur Aufführung zu bringen. Aber es gab ein großes Problem, denn in Furzheim existierte gar kein Blasorchester.
Für den Musiker Carlos Mösinger barg dieses Jubiläum die Chance Musik für die Ewigkeit zu erschaffen, aber es war für diesen feinsinnigen Menschen auch eine extrem schwere Herausforderung. Wie sollte er dem Markgrafen Petrus III., der, was Musik betraf, höchstens einige Gassenhauer und Trinklieder kannte, die er gerne laut grölend bei Tische sang und dabei praktisch jeden Ton verhaute, gute, ernsthafte Musik nahe bringen? Aber er hatte den Auftrag des Festkomitees angenommen und hielt sich nun fast täglich im Schlosse auf. Carlos war ein sehr zurückhaltender und vornehmer Mensch, der vom Markgrafen doch sehr schockiert war. Denn Petrus III. entließ unentwegt Luft und lauschte verzückt seinen sich langsam entfernenden Winden nach. Und wenn ihm dabei noch ein besonders fulminantes Geräusch gelang, schmunzelte er glücklich und strahlte den Musiker an: „Gehört? So schön bekommen Sie die Töne mit Ihren Musikinstrumenten aber nicht hin, Mösinger!“
„Jawohl, Majestät“, antwortete Carlos und hielt sich dabei, so dezent es nur irgend ging, ein Taschentuch vor die empfindliche Nase.
„Ah, und gleich gibt’s meine Leibspeise! Kohlsuppe, Mösinger, es gibt nichts Besseres!“
Die Luft im Schloss war drückend schwer und voller unschöner Düfte, denn fast der gesamte Hof versuchte dem Markgrafen, was den Luftausstoß betraf, nachzueifern. So schallten wahre Darmwinderuptionen durch die dunklen Gänge und wenn Carlos Pech hatte, lief er direkt in eine frische Duftwolke hinein, die ihm fast den Atem nahm.
Unglücklicherweise fand Mösinger kaum ausgebildete Musiker in seiner Heimatstadt. Er war der Verzweiflung nahe. Die musikalischen Ressourcen waren schnell aufgebraucht und auswärtige Musiker hatten entweder ein festes Engagement oder wollten wegen der landesweit bekannten schlechten Luft partout nicht in Furzheim spielen. Als die Markgrafenmutter bei einer Sitzung des Komitees Carlos Mösinger den Vorschlag unterbreitete das Orchester mit menschlichen Instrumenten – wie sie sich ausdrückte – aufzufüllen, schaute er fassungslos auf.
„Also ein Furzorchester“, entfuhr es ihm.
„Ja, mein lieber Mösinger“, sagte Gräfin Pamela, „mein Sohn würde sich, wie ich ihn kenne, über eine musikalische Furzerei wahrscheinlich mehr als über ein Violinensolo freuen.“
Entsetzt und zutiefst beleidigt übergab er dem Komitee seine fertige Komposition und verließ Furzheim flugs und für immer.
Die Markgrafenmutter, die schon ihren Plan vom Blasorchester scheitern sah, erlebte zufällig noch am selben Tag in der Schlosskantine, wie der Hilfskoch Roland Hauklotz als Tellerwäscher sein unwahrscheinliches Rhythmusgefühl zeigte, indem er in exakten Abständen markgräfliches Geschirr versehentlich zerschlug und dabei jedes Mal zeitgleich einen fahren ließ. Von der Flucht Mösingers noch aufgewühlt, gab sie dem Hilfskoch den Auftrag sich um das Blasorchester zu kümmern. Roland Hauklotz war ein findiger Mann, dem es innerhalb kürzester Zeit gelang ein Orchester bestehend aus richtigen Musikern und aus der Creme de la Creme der Luftlasser aus dem Boden zu stampfen. So gründete er das Furzorchester, dessen Probenvorbereitung aus einer Kohlsuppenorgie bestand, die durch eine besondere Würzmischung in der Suppe zu einer noch größeren Blähwirkung und somit zu einer hör- und besonders riechbaren Leistungssteigerung des Orchesters führte, deren wenige, richtige Musiker von den größten, kreativen Luftlassern an die Wand gespielt wurden. Besonders muss hier der Bläser, der die Tuba verkörperte, erwähnt werden, der seinen enorm großen Resonanzraum gekonnt einsetzte und für ein Raunen während der Uraufführung unter den Zuhörern sorgte, die von seiner Kraft und der daraus resultierenden Druckwelle einfach überwältigt waren. Und wenn der Flötistenersatz gefühlvoll die Töne durch seine Hose jagte, bekam das Publikum wahrhaftig Gänsehaut. Diese ungewohnte Instrumentalisierung sorgte für Begeisterung bei den Zuhörern, denen der Mund vor Enthusiasmus offen stand, den sie dann allerdings schnell wieder schließen mussten, da es so gewaltig stank, dass eine Ohnmacht oder zumindest ein pelziger Belag auf der Zunge zurückzubleiben drohte. Die Aufführung wurde ein rauschender Erfolg und Petrus III. erlebte den glücklichsten Tag seiner Regentschaft, von dem er noch viele Jahre zehren konnte. Eine geplante Deutschlandtournee kam aus ethischen Gründen leider nicht zustande und so löste sich das einzigartige Furzheimer Blasorchester bedauerlicherweise bald wieder auf. Roland Hauklotz aber trat in den folgenden Jahren mit einigen Mitstreitern in vielen Festzelten auf und bot den Zuschauern eine umjubelte, fulminante Show luftlassender Künstler, deren Ideenreichtum in der Performance später nie wieder erreicht wurde. Damals wurde von einem sensiblen Zuschauer und Erfinder die erste Atemschutzmaske entwickelt.
Der Neffe und Nachfolger Petrus’ III., Udo I. der Nimmermüde, der die Liebe seines Vorgängers zur Kohlsuppe nicht teilte und nach seiner Inthronisierung als erstes das Schloss kräftig zu durchlüften befahl, ließ den Stadtnamen von Furzheim auf Pforzheim abmildern um eventuelle Investoren, die nicht nur auf Sanitär- und Hygieneartikel setzten, in die Stadt zu locken.