Leseprobe 6

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -


Regensburg und der Vogelhändler


Frantisek Nöckmann lebte im 8. Jahrhundert in einem kleinen Dorf an einem Nebenfluss der Donau. Er war Kaufmann aus Leidenschaft und handelte hauptsächlich mit Vögeln. Er ließ Singvögel und auch den einen oder anderen Falken einfangen und dressierte anschließend die Tiere, die in großen Vogelkäfigen gehalten wurden. Tierschutzvereine waren damals noch nicht aktiv, so konnte Frantisek seine Geschäfte in Ruhe abwickeln und hatte den Tieren gegenüber auch keine Gewissensbisse. Nirgends sonst gab es vergleichbare Käfige, die Frantisek Nöckmann Volieren nach seinem Mitarbeiter Jean-Jacques Voliere nannte, dessen Aufgabe es war die wertvollen Vögel zu pflegen und zu füttern. Denn Nöckmann verkaufte nur gesunde Tiere, die deren späteren Besitzern Freude bereiten sollten. Die Falken wurden zur Jagd abgerichtet und waren die besonderen Lieblinge des Kaufmanns, der voll in seinem Beruf aufging und keine Zeit für ein Privatleben hatte.
Sein Wahlspruch war stets: „Sich regen bringt Segen“.
Seine Leute trieb der immer aktive Nöckmann laufend mit „Na, los. Auf, auf. Regen, regen. Leute, regt euch“ an.
Frantisek handelte mit ganz Europa und war über seine Adresse nicht sonderlich begeistert: „Dorf 3 an der Furche zur Donau“. Unakzeptabel für einen erfolgreichen und wohlhabenden Kaufmann, der illustre Kunden bis in die höchsten Adelsschichten hatte.
Herbert Sponsor, der Ortsvorsteher des Dorfes, das finanziell vollkommen von dem Vogelhändler abhängig war, hatte eines Tages eine sehr gute Idee. Er wusste von dem Wunsch des Vogelhändlers nach einer vernünftigen Adresse. Dieser hatte ihm gegenüber schon mit einem Ortswechsel seines Betriebes gedroht, was der Ortsvorsteher Sponsor natürlich um jeden Preis verhindern wollte. Es ging um den Wirtschaftsstandort des Dorfes. Herbert Sponsor bot dem Kaufmann einen Namenswechsel des Ortes an. Er dachte dabei an Nöckmannsdorf. Aber Frantisek kam ohne groß zu überlegen auf den Namen Regen.
„Hier regt sich was. Hier ist das Leben. Hier pulsiert die Wirtschaft. Denn sich regen bringt Segen, Sponsor.“ 
Für einen erheblichen Unkostenbeitrag sollte es zu der Umbenennung des Ortes kommen, aber Frantisek Nöckmann war mit Regen noch nicht ganz zufrieden.
„Bei Regen denken meine Kunden wahrscheinlich hauptsächlich an den feuchten Niederschlag. Ja, nennen wir unser Dorf gleich Regensburg! Der Zusatz Burg schafft Vertrauen, Sponsor“, sagte der Vogelhändler und war mit dem neuen Ortsnamen endlich glücklich.
So war der Sitz der Firma von Frantisek Nöckmann also nun Regensburg. Und für eine weitere Summe wurde der Donau-Nebenfluss, an dem das neue Regensburg lag, welcher nur „die Furche“ genannt wurde, gleich noch in Regen umgetauft.
„Irgendwie klingt dass glaubwürdiger, Sponsor. Regensburg an der Regen! Da kommt niemand drauf, dass wir uns das nur ausgedacht haben.“
Später wurden solche Geschäftsvereinbarungen als Sponsoring bekannt. Die Kirche, die die Grundbücher führte, bekam eine großzügige Spende und so waren alle Formalitäten für Nöckmann und den Ortsvorsteher erledigt. Der Gemeindekämmerer von Regensburg freute sich unbändig und der Ort erlebte nun einen ungeahnten rasanten Aufschwung.
Bald nach diesen Ereignissen lief Nöckmann eine schöne Frau über den Weg. Elzbieta! Er, der bisher nur für seine Arbeit gelebt hatte, entflammte für diese dunkelhaarige Schönheit, die gerade aus dem Osten zugereist war und im Gasthof von Regensburg als Kellnerin zu arbeiten begann. Und Elzbieta angelte sich diesen unerfahrenen und reichen Mann und wickelte ihn um den Finger. Frantisek beschenkte sie mit Schmuck und mit einer Pferdekutsche einschließlich Kutscher. Sogar seine liebsten Vögel – eine seltene Spatzenart – gab er ihr zum Geschenk. Doch bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Elzbieta hatte einen Geliebten, arbeitete nebenberuflich, aber sehr erfolgreich als Domina und nahm Nöckmann nur aus.
„Domina? Was ist das“, fragte Frantisek eines Tages Sponsor, der von der Naivität des großen Geschäftsmannes mehr als überrascht war.
Nöckmann befürchtete einen Skandal und stellte Elzbieta zur Rede, die nur über ihn lachte und mit einem gezielten Peitschenhieb – sie hatte ihn in ihrem Dominaoutfit empfangen – ihn entmannte. Neben seinen wahnsinnigen Schmerzen, die er in einem Feldlazarett behandeln ließ, war sein Herz gebrochen. So brutal endete seine einzige Beziehung zu einer Frau. Elzbieta verschwand anschließend mit ihrem Geliebten und Nöckmanns ganzem Vermögen. Frantisek gesundete, aber hatte durch Elzbietas Attacke eine hohe Stimme bekommen und wurde tief religiös. Er begann nun klerikale Litaneien zu singen. Unentwegt gab er sich der kirchlichen Musik hin und gründete schließlich im Angedenken an seinen größten Fehler einen Knabenchor, den er „Regensburger Dominaspatzen“ nannte und dem er noch viele Jahre als Solosänger zur Verfügung stand.