Leseprobe 9

 

Bertram Humbug zu Hühnerklein

 

Humbugs unmögliche Stadtgeschichte

- Von mannigfaltigen Absonderlichkeiten bei Städtegründungen -

 

Unna und der Pizzabäcker


Zu Beginn des 11. Jahrhunderts zog ein italienisches Ehepaar auf der Suche nach Arbeit durch das östliche Ruhrgebiet. Matteo und Chiara Cravallo kamen aus dem armen Süden Italiens und besaßen außer einem alten Esel, der ihre wenigen Habseligkeiten trug, fast gar nichts. Schließlich fanden sie eine Hütte, die schon seit vielen Jahren leer stand und mieteten sie. Das junge Ehepaar nahm ihren Esel, der Roberto hieß, mit ins Haus und während sich Chiara um das Haus kümmerte um es bewohnbar zu machen, begann Matteo sofort das angrenzende Land mit einfachsten Mitteln zu beackern. Es war eine wahre Plackerei für die beiden, aber nach einigen Monaten hatten sie es immerhin soweit geschafft, dass ihre kleine Landwirtschaft soviel einbrachte, dass sie davon leben und ihrem freundlichen Vermieter pünktlich die Miete zahlen konnten. 
Matteo war ein begeisterter Hobbykoch, der öfter als seine Frau am Herdfeuer stand. Gerne aßen die beiden Einwanderer Fladenbrot. Als Matteo eines Tages zu wenig Teig angerührt hatte und das Brot viel zu dünn zu werden drohte, legte er – einer Eingebung folgend – etwas Gemüse und kleine Fleischstückchen auf den Teig und die erste Pizza war geboren. In den nächsten Wochen verfeinerten Matteo und Chiara Cravallo die Rezeptur und probierten immer neue Zutaten aus. Es begann mit Erbsen und Bohnen frisch aus dem Garten und schließlich folgten auch Käse, Pilze, Hackfleisch, Schinken und Putenbrust. Aber Pizza wurde diese Kreation erst viele Jahrhunderte später genannt. Das Paar taufte die neue Köstlichkeit „Matteos Brot“. Als sie bald darauf Besuch bekamen und ihren Gästen „Matteos Brot“ vorsetzten, waren die Leute begeistert und in Matteo reifte eine Idee. Warum konnte er seinen Mitbürgern  „Matteos Brot“ nicht gegen Geld anbieten und es ihnen auch noch nach Hause liefern? Sein Esel Roberto war für diese Aufgabe einfach wunderbar geeignet. Schließlich musste noch das Problem der Bestellung gelöst werden, denn damals war die Gegend noch sehr dünn besiedelt und Kommunikationsmöglichkeiten praktisch nicht vorhanden. Aber da fielen Matteo Gorm und Herlinde Pökelmann ein, die in der Nähe eine Brieftaubenzucht besaßen. Bestellt wurde nun über einige extra ausgebildete Brieftauben, denn das war der schnellste Weg in einer Zeit, wo man sonst nur per Pferd oder zu Fuß reiste. Damit war alles geregelt und der erste Pizza-Lieferservice konnte seine Arbeit aufnehmen. „Matteos Brot“ lieferte ein Junge namens Moritz Habersatter aus, der besonders gut mit Roberto umgehen konnte und diesen auch relativ schnell zum Laufen bekam. Um eine Pizza warm zu halten, wurde diese mit einem Holzteller abgedeckt und mit viel Heu umwickelt.
„Wir bringen „Matteos Brot“ zu Ihnen nach Hause“, war die Losung für ein erfolgreiches, innovatives Unternehmen, welches bald expandierte. Die Cravallos kauften die Hütte und bauten sie zu einem kleinen Restaurant aus. Alles lief wunderbar und Matteo und seine Frau hatten bald einen festen Kundenstamm. Zu diesem gehörte die 8-köpfige Familie Möhrenburger, die ein einsames Gehöft ungefähr fünfzehn Kilometer von der Pizzeria entfernt bewohnte. Ein weiter Weg für Moritz und Roberto.
„Aber der Kunde ist König“, wie Matteo immer wieder zu seiner Chiara sagte, wenn sie sich darüber beklagte, dass die Familie Möhrenburger immer nur eine Pizza bestellte.
„Una für Möhrenburgers.“
Una steht im Italienischen für „eine oder einer“.  
Eine speziell für die Möhrenburgers erdachte Pizza mit Möhren konnte sich damals nicht am Markt durchsetzen, was natürlich auch an der Bestellsparsamkeit der Familie lag.
Zu den Lebzeiten Matteos wurden durch eine Gebietsreform einzelne Gehöfte zu Gemeinden zusammengefasst bzw. neue Siedlungen gegründet. Als die Obrigkeit, die im Restaurant Matteos tagte und mitbekam, dass gerade wieder eine Bestellung für eine Pizza der Möhrenburgers durch die Brieftaube B7 – Matteo hatte die Tiere einfach durchnummeriert – eintraf und Chiara wieder „Una“ jammerte, beschied der ziemlich phantasielose, stellvertretende Gerichtsvizepräsident der Reserve, Claus-Erwin von Pfundmeyer, das Möhrenburger-Gehöft und die kleine Siedlung aus Erntehelfern, die sich um den Hof der Familie gebildet hatte, Unna zu nennen. Später wurde der Esel Roberto zur Symbolfigur der neuen Stadt. 
Nach dem Tode der Eheleute Cravallo ging das Wissen um die Herstellung der Pizza bzw. „Matteos Brot“ verloren. Sie hatten die Rezepte mit ins Grab genommen. Erst viele Jahrhunderte später wurde die Pizza wieder neu erfunden und für viele Menschen ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel.