Leseprobe

Fritz Eitel von Sonnenschein

Der Blasenschwächling und Tonsurträger


2. Ein unruhiger Fernsehabend


Tja, es gibt Abende, wo er es sich mit seiner Frau vor dem Fernseher gemütlich machen oder wie in diesem Fall auch mal ganz allein ein Fußball-Länderspiel anschauen wollte. Es ist alles da, was er braucht. Aber nach vielleicht zwanzig Minuten geht es los und er wird plötzlich ganz unruhig. Der Drang kommt wieder durch. Mitten im Spiel wird er immer unruhiger und versucht bis zur Halbzeit durchzukommen. Das geht natürlich nicht im Sitzen. Stehend oder, wenn es ganz arg wurde, hin und her wandernd und sich die Schweißtropfen abwischend sehnt er, obwohl er Fußball so unwahrscheinlich gerne sieht – und dann ist es auch noch so spannend – den Halbzeitpfiff herbei. Er muss durchhalten! Er muss! Ja, er muss beides, nämlich durchhalten und einmal für Senioren. „Für Königstiger“ war in diesen Momenten des körperlichen Verfalls nicht der richtige Ausdruck. Gut, er hätte auch zwischendurch zum WC gehen können, aber …. Er hatte, wenn es absolut nicht anders ging, es auch schon getan, aber jedes Mal fielen während seiner Abwesenheit Tore und dann ärgerte er sich maßlos und beschimpfte seine Altherrenblase, die ihn wieder um ein großes Vergnügen gebracht hatte. Aber dieses Mal wollte und musste er durchhalten. Er biss die Zähne zusammen und wanderte vor dem Fernseher unruhig und immer schneller werdend hin und her.

Und es lohnte sich. Das Spiel war wirklich richtig gut. Mein Gott, erst die dreiunddreißigste Spielminute! Wie sollte er noch die restliche Spielzeit der 1. Halbzeit überstehen? Und dann auch noch die Nachspielzeit. Möglicherweise drei Minuten! Er begann sich selbst zu beschimpfen und seine Blase zu verdammen. Und nun meldete sich auch noch sein Magen-/Darmtrakt. Glücklicherweise lagen genug Streichhölzer bereit um den aufkommenden nicht mehr frischen Duft im Wohnzimmer mit Schwefel zu bekämpfen. Es war zum Kotzen! Warum konnte er kein Spiel richtig genießen? Sie – wer auch immer – waren so gemein zu ihm. Dann fiel ihm noch die Streichholzschachtel auf den Boden und die Streichhölzer, die Schachtel war fast voll gewesen, verteilten sich über eine größere Fläche. Er begann, dabei seinen Darm kontrollierend und gleichzeitig sich wegen der Seniorenblase leicht bewegend, stehen bleiben wäre die Hölle gewesen – nicht zum Aushalten, bückend Streichhölzer, die so eminent wichtig für das Raumklima waren, aufzusammeln. Zwischendurch sprang er auf um seine Blase zu beschäftigen oder entließ trotz der Kontrolle ungute Luft an die Umgebung. Außerdem blickte er immer wieder zum Fernseher hin, schließlich lief ja ein sehr interessantes Fußballspiel. Dann endlich – nach Sessel- und Sofarücken – hatte er alle Streichhölzer aufgesammelt und mehrere von ihnen gleich entzündet. Schwefelduft konnte doch so viel überdecken. Einundvierzigste Minute! Noch vier Minuten plus x! Mein Gott, was für eine Tortur. Das Spiel war gut und er sah mit verkniffenem Gesicht ein deutsches Tor und versuchte sich zu freuen. Es war schwer. Sehr schwer! Dann begann er, weil seine Entsorgungsorgane ihn wahnsinnig quälten den Schiedsrichter anzuflehen: „Bitte pfeif ab! Ich kann nicht mehr!“ Seine Schritte wurden schneller, unruhiger und verrückter. Er stand kurz vor einer Explosion. Einer gewaltigen Explosion! Er begann immer schwerer zu atmen. Dann endlich ertönte der Halbzeitpfiff und er rannte hinaus. Es gelang ihm seine Altherrenblase zu entlasten und die zweite Halbzeit zu sehen. Wohl auch nicht entspannt, weil sein Darm immer bestimmter auch sein Entsorgungsrecht einforderte. Aber er hielt durch, auch wenn sich dadurch der Bestand der Streichhölzer dramatisch verringerte. Das Spiel hatte er nun, wenn auch manchmal nicht so intensiv, wie gewünscht, gesehen und außerdem noch reichlich Sport getrieben. Und, nicht zu vergessen, er hatte seine Blase besiegt. Sie in ihre Schranken verwiesen. Nach dem Spiel besuchte er das stille Örtchen und ließ sein Seelchen baumeln. Jawohl.