Leseproben

Fritz Eitel von Sonnenschein

Ein notorischer Stiesel


Das Mädchen mit dem Klumpfuß


Das Haus meiner Oma war aus Holz, aber kein Blockhaus oder Skandinavienhaus. Eine einfache Bretterbude, wie meine Tante gerne sagte. Aber es war das Haus meiner Oma und ich kannte nichts anderes und wohnte eben da. Wir hatten einen großen Garten. Die Straße war ungepflastert und nicht asphaltiert. Einfach nur eine Sandpiste – ein kleiner Privatweg, etwas abgelegen mit vereinzelt stehenden einfachen Häusern. Zwischen dem Sportplatz der Grundschule und dem Haus meiner Oma lagen nur unsere Straße und ein Grundstück mit einem kleinen Bauernhaus. Wir hatten damals natürlich noch keine Heizung, sondern nur einen Ofen. Im Winter zierten Eisblumen die Fenster. Habe ich es als kalt empfunden, wenn der eisige Wind pfiff, es am frieren war und draußen Schnee lag? Keine Ahnung. Ich kann mich nicht an irgendwelche Frostbeulen erinnern, oder doch? Nahmen die Füße nicht eine leicht orangene Färbung an? Dafür ist aber die Erinnerung an die Bratäpfel auf dem Ofen sehr stark, die so herrlich dufteten. Und isoliert war das Haus auch nicht, dafür aber gut belüftet. Autos fuhren damals kaum und wir hatten eigentlich ein ruhiges und naturnahes Leben Anfang der 60er Jahre. Wenn es Sommer war und auch sonst wenn es das Wetter zuließ, war ich draußen und spielte oder war unterwegs im Moor und auf den Feldern. Immer waren wir Kinder in Bewegung, denn Computer, Handys, Spielkonsolen und was es heutzutage sonst noch so gibt, gab es damals nicht. Und einen Fernsehapparat kaufte meine Oma sich erst während der Olympischen Spiele in Tokio 1964.

Unsere Nachbarn hatten auch nur ein kleines, einfaches Haus und viele Hühner. Der Gartenboden war vollkommen nackt, denn das Federvieh hatte alles, was dort kroch und wuchs, herausgepickt. Eines Tages zu Beginn der Sommerferien waren plötzlich 2 Mädchen bei unseren Nachbarn zu Besuch. Es waren ihre Enkeltöchter, die bei ihnen die Ferien verbringen sollten. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, sie kamen aus dem Raum Stuttgart… Aber sicher bin ich mir nicht. Wie die beiden Mädchen hießen, weiß ich auch nicht mehr, aber dass die größere ungefähr in meinem Alter und die kleinere der beiden vielleicht 1 bis 2 Jahre jünger war. Wie alt war ich damals? 9 Jahre oder vielleicht erst 8? Ich ging mit den beiden oft zum Spielplatz. Die ältere Schwester hatte langes Haar und war nett, aber richtig Freundschaft schloss ich mit ihrer kleinen Schwester, mit der ich mich sehr gut verstand. Wir gingen viel zusammen und redeten. Sie hatte kurzes Haar und einen Klumpfuß. Ich weiß nicht mehr, was mit ihrem Fuß war, nur dass sie – rechts oder links, keine Ahnung – einen sehr dicken, großen, schwarzen Schuh trug, während der andere Schuh eine ganz normale Größe hatte. Möglicherweise hat sie auch leicht gehinkt, aber das habe ich wohl nicht wahrgenommen. Wir waren oft zusammen und wenn ich es mir recht überlege, war ich eigentlich nach ein paar Tagen des Kennenlernens nur noch mit ihr unterwegs. Aber dann waren die Ferien vorbei und sie verließ mit ihrer Schwester ihre Großeltern und mich. Irgendwie waren wir sehr traurig. An dieses merkwürdige Gefühl beim Abschied kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es tat weh. So eine Art Kribbeln im Magen.

Ein Jahr später – oder waren es gar 2 oder 3 Jahre? – waren die beiden Schwestern noch einmal bei ihren Großeltern zu Besuch. Ob kurz – was ich glaube – oder während der ganzen Ferien weiß ich nicht mehr genau. Auf jeden Fall sahen wir uns eigentlich gar nicht richtig und sprachen auch nicht miteinander. Mehr als ein Blick war da nicht. Es war sehr bedauerlich. Und wenn ich heute an das Mädchen mit dem Klumpfuß denke, habe ich so ein Gefühl, als wenn sie so etwas wie meine erste Liebe war. Kann man es so sagen?



Niemand


Ich muss es finden. Ist es ein Er oder eine Sie? Ich weiß es nicht. Es heißt Niemand.

Manchmal nennen es meine Kinder auch Keiner. Niemand ist bei uns zu Hause für alles Unerklärliche, wie Schäden und Dreck, verantwortlich. Ist Niemand normalerweise unsichtbar? Wo lebt es?

Manchmal scheint Niemand auch in der Gestalt eines meiner Kinder aktiv zu sein.

Früher - wenn etwas zerbrochen wurde - hieß es: „Wollt ich nicht“, oder: „Ist aus Versehen passiert.“

Und heute: „Wer hat das gemacht?“

Antwort: „Niemand.“

Eigentlich sehr einfallslos.

Wer hat den Fleck auf unsere neue Tapete geschmiert?“

Niemand.“

Vielleicht besser als petzen? Wenn ich Niemand erwische!

Sie hätten auch antworten können: „Eine große Spinne hat auf der Tapete Selbstmord verübt.“

Aber das wäre wohl auch zu blutrünstig und außerdem möglicherweise gelogen. Also war es wieder Niemand. Wenn ich es doch bloß mal zu Gesicht bekäme. Auch wenn es nur schemenhaft wäre.

Ach, könnte ich doch an Niemand glauben.