Leseprobe


Herzlinde Meyerdierks


Der Ballettschuh


Plötzlich tauchte wieder ein Nebelgebilde auf. Aufgeregt rannten die Wichtel dort hin, so dass Natascha ihnen kaum folgen konnte.
„Mädchen, zieh den Schuh an. Schnell“, bettelte Blasius beschwörend.
Natascha zog ihn an. Links trug sie ihren normalen, schweren Straßenschuh und rechts den zerschlissenen Ballettschuh der Wolkenfee, der überraschend passte. Humpelnd ging sie zu den Wichteln, die angestrengt in das Nebelgebilde starrten, und zog ihren schweren Wintermantel aus, den Xaver an sich nahm.
„Tanze“, sagte Blasius, „bevor es zu spät ist.“
Und Natascha drehte sich im Kreis. Sie tanzte, wie sie es in der Ballettschule gelernt hatte. Es ging auch ohne Musik, obwohl es mit dem Straßenschuh nicht einfach war. Sie gab ihr bestes.
„Es wird wahr. Der Traum wird wahr“, schrie Blasius begeistert und klatschte in die Hände.
„Jo. Jo.“
Und nun sah es Natascha auch. Plötzlich war um sie herum eine schöne Waldlandschaft, grünes Gras, Vögel zwitscherten und am Himmel stand eine herrliche Sonne. Und, sie konnte es kaum glauben, ein Reh lief an ihnen vorbei. Sie verharrte einen Augenblick schwer atmend. Natascha konnte sich an dem Anblick nicht satt sehen. Es war noch leicht verschwommen, aber wunderschön. Auf einmal zuckte die Welt um sie herum.
„Tanze weiter, bitte. Höre nicht auf“, schrie Blasius erregt.
Doch es war zu spät. Das Bild erlosch. Und zurück blieb nur die furchtbare Einöde.
„Oh, nein“, weinte Natascha verzweifelt.
„Du musst immer tanzen, sonst werden die Träume der Kinder nicht wahr, Mädchen. Du darfst keine Pause machen“, erläuterte der sichtlich enttäuschte Blasius.
Xaver nickte.
„Entschuldigt bitte“, Natascha senkte den Kopf, „aber es war so schön. Ich wollte es mir nur angucken. Und außerdem konnte ich auch nicht mehr, denn meine Füße schmerzten.“
„Entschuldige dich nicht. Es ist unser Fehler. Wir hatten vergessen, dass du nur einen magischen Ballettschuh trägst. Deine Füße müssen wirklich sehr schmerzen. Aber hat sie es nicht toll gemacht, Xaver“, fragte Blasius nun seinen Freund.
„Jo.“