Leseprobe


Herzlinde Meyerdierks


Anton Hasenfuß und seine Freunde


Die Klarinette

Der Hase Anton Hasenfuß hatte den Namen Hasenfuß eigentlich zu Unrecht. Als junger Hase war er wohl sehr ängstlich gewesen, aber das war normal, weil kleine Häschen sehr viele Feinde haben. Aber nun war er groß, stark und sehr schnell. Er war der schnellste Hase weit und breit. Und kein anderer Hase konnte bei Gefahr so tolle und trickreiche Haken schlagen wie er. Bei schönem Wetter schlief er auf dem großen Erdhügel, und wenn es regnete, oder bei Kälte in seiner Sasse unter dem Lindenbaum.

Es war ein schöner, warmer Frühlingstag gewesen. Das frische Gras, und die Wildblumen und Kräuter hatten gut geschmeckt, und Anton Hasenfuß legte sich zufrieden auf dem großen Erdhügel nieder. Er starrte in den Himmel, der langsam dunkel wurde. Der Himmel war so schön, und Anton träumte gern hier oben, direkt unter den Sternen. Er träumte von der Urheimat der Hasen weit im Osten. Von den riesigen Feldern und Wiesen. Und von dem Wind, der über diese Felder strich. Dieser Wind, der eine Melodie spielte. Eine wunderschöne, romantische Melodie. Anton Hasenfuß konnte sie hören. Und da gab es Hasen, tausende von Feldhasen in diesem großen, fast menschenleeren Land. Und er sah wieder den Wind über das Land streichen und hörte diese Melodie. Er sah Kornblumen blühen. Schließlich schlief er ein.


Als es wieder hell wurde, und der Morgentau die Nase Anton Hasenfuß´ kitzelte, wachte er auf, streckte sich und hörte immer noch diese wunderschöne Melodie. Merkwürdig, dachte er, vielleicht spielt mir mein hungriger Magen einen Streich, und ich bilde mir das nur ein. Sogleich begann er frisches, grünes Gras, das noch feucht vom Tau war, zu essen. Aber die Melodie war immer noch da.
„Ich muss krank sein”, murmelte Anton.
„Warum bist du krank”, fragte eine zarte Stimme.
„Weil ich immer eine Melodie höre, die eigentlich nur in meinem Kopf sein kann”, antwortete der Feldhase und suchte die Stimme.
„Hier bin ich, hinter dir”, sagte die Stimme.
Es war ein Heupferd mit einer Klarinette. Es spielte wieder diese Melodie.
„Warst du gestern Abend auch schon hier”, fragte Anton überrascht.
„Ja, der Hügel ist einfach ideal zum Musizieren, Herr Hase.”
„Wie heißt du, Heupferd?”
„Ich bin der Musikus Amadeus von Springinsfeld.”
„Amadeus, du hast in mir, mit deiner schönen und gefühlvollen Musik, die Sehnsucht nach der Urheimat der Hasen geweckt.”
„Wie kannst du Sehnsucht nach etwas haben, was du nie kennen gelernt hast”, fragte das Heupferd.
„Ich weiß es nicht. Aber diese Melodie hat etwas Unerklärliches in meinem Inneren ausgelöst. Vererbt von den Urahnen, die einst unsere Heimat verließen. Dein schönes Klarinettenspiel hat wohl genau dieses Gefühl in mir angesprochen.”
„Ach, es muss herrlich sein, diesen Wind im Fell zu spüren, und gleichzeitig diese Melodie zu hören”, seufzte Anton Hasenfuß.
Das Heupferd begann wieder auf seiner Klarinette zu spielen. Es spielte so wunderschön, dass Anton noch einmal zu träumen anfing.


Anton Hasenfuß ging diese Melodie in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Kopf, obwohl das Heupferd schon längst weiter gezogen war. Sie klang unentwegt in ihm. Egal wo er war, er hörte sie.
Und als er eines Tages einen Schwarm Vögel in Richtung Osten fliegen sah, verließ er sein schönes Revier und machte sich auf den Weg zur Urheimat der Hasen.
Denn die Melodie des Windes würde ihn leiten.