Leseprobe


Herzlinde Meyerdierks


Himmelsgucker

Der einsame Wasserfrosch


So vergingen die Tage. Er saß im Teich an seiner Lieblingsstelle, quakte und wartete. Doch der einzige Frosch, der ihn besuchte, war Fliegenfresser. Dieser war ihm ein guter Freund geworden. Abends, wenn Himmelsgucker eine Quakpause einlegte, kam Fliegenfresser zu ihm. Dann unterhielten sie sich über den Himmel und die Sterne. Und natürlich über das Leben am und im Teich. Himmelsgucker wusste bald alles über die Grasfrosch-Damen, denn Fliegenfresser war ein richtiger Frauenheld. Der Wasserfrosch bewunderte ihn nicht nur deshalb.
Fliegenfresser bemerkte bald, dass Himmelsgucker Hilfe brauchte. Aber wie? Er selbst hatte in der Gegend wirklich vorher noch nie einen Wasserfrosch gesehen. Himmelsgucker war der erste gewesen.
»Du musst etwas unternehmen, Himmelsgucker«, sagte er einmal.
»Was«, fragte der Wasserfrosch verzagt.
»Es reicht nicht, wenn du hier sitzt und stundenlang quakst und auf eine Partnerin wartest. Du musst noch mehr tun.«
»Wie gerne würde ich das«, sagte Himmelsgucker.
»Du musst dich auf die Wanderschaft begeben. Suche nach einem Teich in dem Wasserfrösche leben«, sagte der schlaue Fliegenfresser.
»Einen anderen Teich? Gibt es denn noch mehr Teiche«, fragte Himmelsgucker überrascht.
»Natürlich. Dachtest du, der hier ist der einzige auf der großen, weiten Welt, Wasserfrosch?«
Himmelsgucker schämte sich.
Und Fliegenfresser fuhr fort: »Irgendwoher musst du gekommen sein. Oder nicht? Ich selbst kenne nur diesen Teich wie die anderen Grasfrösche auch. Wir sind hier geboren und sorgen für Nachwuchs, damit es immer Grasfrösche geben wird. Verstehst du das, Himmelsgucker?«
»Ja, das verstehe ich.«
»Es muss irgendwo einen anderen oder sogar mehrere andere Teiche geben, wo Wasserfrösche leben. Ist doch logisch!«
In Himmelsgucker keimte wieder Hoffnung auf.
»Du musst Recht haben«, sagte er freudig.
»Also«, fragte Fliegenfresser.
»Ich muss mich auf den Weg machen«, sagte Himmelsgucker.
»Himmelsgucker, du bist irgendwo zur Welt gekommen. Und wir beide wissen, du wurdest nicht hier geboren. Es muss für dich einen anderen Heimatteich geben,« sagte Fliegenfresser mit Nachdruck, damit auch die letzten Zweifel, die Himmelsgucker noch haben konnte, verschwanden.
»Irgendwo da draußen ist mein Heimatteich«, sagte der Wasserfrosch fast träumend.
»So ist es«, meinte Fliegenfresser und fuhr fort: »Du wirst mir fehlen, Himmelsgucker. Aber für dich ist es wichtig, dass du den Weg zu deiner Geburtsstätte findest.«
»Ja. Ich mache mich gleich auf den Weg, Fliegenfresser.«
»Aber eines muss ich dir noch sagen. Unterwegs gibt es viele Gefahren für einen Frosch. Große Tiere, wie Hunde und Katzen - denen bin ich leider schon begegnet - und Schlangen, viele große Vögel, wie Reiher und Störche, Marder und besonders Menschen sind gefährlich. Himmelsgucker, pass gut auf dich auf. Versprichst du mir das, Freund?«
»Ich komme bestimmt gesund zurück, Fliegenfresser.«

»Nein! Du musst deinen Heimatteich oder wenigstens einen anderen Teich mit Wasserfröschen finden und dort bleiben.«
»Ist das wahr?«, fragte Himmelsgucker leise, »aber wie soll ich ihn finden?«
»Du wirst es spüren, wenn du in seiner Nähe bist. Das ist uns Fröschen angeboren. Das ist unser Instinkt, den Teich, in dem man zur Welt gekommen ist, immer wieder zu finden. Du wirst von ihm unweigerlich angezogen.«
»Ich will hoffen, dass ich diesen Instinkt auch besitze,« sagte Himmelsgucker zweifelnd, »und was sind das für Tiere, die du mir als Gefahren genannt hast, wie Menschen und Katzen?«
»Alle, die ich dir genannt habe, sind viel größer als wir Frösche. Du musst allen Lebewesen, die größer sind als du, aus dem Wege gehen, sonst bezahlst du deinen Leichtsinn mit dem Leben, Himmelsgucker.«
Nun war alles gesagt. Fliegenfresser und Himmelsgucker verabschiedeten sich voller Wehmut voneinander.