Leseprobe


Herzlinde Meyerdierks


Die Abenteuer des Prinzen Tannenheinz


Wieder ein Unfall

Der Garten war wundervoll angelegt. Die vier Prinzessinnen gingen hoheitsvoll zu den uralten Rosenstöcken und betrachteten dabei lieblich lächelnd die neuen Triebe, die Unmengen von herrlichen Rosenblüten versprachen. Kronprinz Tannenheinz ging nervös neben ihnen her, denn er musste zugeben, dass ihm die Prinzessinnen ausnehmend gut gefielen. Sie waren wirklich wunderschön. Vielleicht noch schöner als Su, aber da war er sich nicht sicher. Astbert und Holzfriedel waren zuversichtlich, dass Tannenheinz unter ihnen die richtige Frau finden würde. König Zirbellius und Tannenheinz Tannen sprachen über ihre Herrscherhäuser, wobei der König doch überrascht war, dass der Kronprinz nur der Neffe des amtierenden Königs war.
„Hat Ihr Onkel nie geheiratet“, fragte Zirbellius der Fabelhafte.
„Gegessen hat er“, antwortete Tannenheinz wahrheitsgemäß.
„Bitte?“
„Er hat seine Zeit hauptsächlich mit Essen verbracht.“
„Aha. Und Sie, lieber Prinz?“
„Ich esse auch gern“, antwortete Tannenheinz.
„Das sieht man“, lachte plötzlich Prinzessin Zirbu.
Und die drei anderen Prinzessinnen fielen mit ein.
„Kinder“, brummte der König, „ein bisschen mehr Respekt gegenüber unseren Gästen.“
Tannenheinz Tannen lief rot an.
Astbert Kirschstein konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren, denn zu glockenhell klang das Lachen der Prinzessinnen, denen man einfach nicht böse sein konnte. Holzfriedel durfte als Zeremonienmeisterin offiziell natürlich nicht über diesen Ausrutscher lachen. Aber die Prinzessinnen waren eben noch sehr jung.
„Wie alt sind Sie eigentlich, Prinz Tannenheinz“, fragte Prinzessin Zirbu jetzt wieder ernst.
„Zirbu, das fragt man nicht“, flüsterte Zirbo ihrer vorlauten Schwester zu.
„Na und? Ich will es aber wissen“, sagte Zirbu entschieden.
Schüchtern antwortete der Kronprinz schließlich: „Vierzig.“
„Es tut mir leid, lieber Prinz. Ich hatte wegen meiner umfangreichen Regierungsgeschäfte nicht ausreichend Zeit meinen Töchtern Manieren beizubringen.“
„Eine gewisse Frische ist nie verkehrt, Majestät“, sagte Astbert beschwichtigend.
Astbert gefielen die Prinzessinnen.
Auch Holzfriedel lächelte zufrieden und sagte zu ihrem Bruder: „Es wäre schön, wenn endlich wieder ein frischer Wind in unserem Königshause wehen würde.“
Nach weiteren belanglosen Gesprächen, bei denen die Prinzessinnen Kronprinz Tannenheinz unentwegt beäugten, nahmen der König, die Prinzessinnen und die drei Wurzelzwerge auf der Terrasse Platz. Diener brachten Getränke.
„Also, Kinder“, sagte König Zirbellius der Fabelhafte, „dieser Prinz Tannenheinz hier wird eines Tages König der Wurzelzwerge sein, ein Volk, nicht so wohlhabend wie wir Zirben, aber dem wir in Freundschaft sehr verbunden sind und er möchte eine von euch ehelichen. Habe ich mich so richtig ausgedrückt“, fragte der König sich an Astbert wendend.
„Ja“, antwortete Astbert Kirschstein.
„Also, eine von euch wird die Königin der Wurzelzwerge. Aber welche?“
Zirbellius schaute seine Töchter fragend an. Dann blickte er Tannenheinz an, der verschämt in sein Glas Traubensaft guckte. Aber er schaute zu tief hinein. Durch die zu starke Neigung des Kopfes fiel seine Krone vom Haupt auf den Tisch. Ein vielstimmiges Gelächter hob an. Tannenheinz schämte sich ungemein. Selbst Astbert und Holzfriedel waren peinlich berührt. Und als Tannenheinz wieder nach seiner kleinen Krone griff, riss er auch noch das Glas um und der Traubensaft floss dem König der Zirben auf die königliche Hose. Zirba, Zirbi, Zirbo und Zirbu amüsierten sich prächtig. Sie wollten gar nicht mehr zu lachen aufhören, währenddessen Holzfriedel Kirschstein versuchte, sich für den Kronprinzen zu entschuldigen und den Nässezufluss vom Tisch auf die Hose des Königs zu stoppen.
„Verzeihung“, murmelte Tannenheinz nur, dem vor Schreck nichts Besseres einfiel.


Ein Diener hatte unterdessen einige Handtücher gebracht um seinen König abzutrocknen.
„Sitzt Ihre Krone wieder richtig“, wandte sich der König leicht erzürnt an Tannenheinz.
Dieser nickte heftig. Bei dieser Bewegung rutschte ihm die Krone auf die Nase, wo sie glücklicherweise hängen blieb.
Tannenheinz Tannen riss sich die Krone von der Nase und steckte sie beschämt ein. Wieder hatten die Prinzessinnen etwas zu lachen. Dem Kronprinzen gefiel das gar nicht, aber da auch Astbert diplomatisch lächelte, lächelte Tannenheinz schüchtern mit.
„Ich würde vorschlagen“, sagte schließlich Zirbellius der Fabelhafte, „dass unsere Gäste mit meinen Töchtern einen kleinen gemeinsamen Spaziergang zu unserem See unternehmen um sich besser kennenzulernen. Ich werde in der Zwischenzeit meine Kleidung wechseln.“
Sie waren einverstanden. Die anderen Wurzelzwerge gesellten sich nun auch zu ihnen. Su Krötenstern-Spies war vom Schloss des Königs schwer beeindruckt.
„So etwas musst du dir auch bauen lassen, Tannenheinz“, sagte sie.
Doch der Kronprinz antwortete nur mit einem Kopfschütteln und die schönen Prinzessinnen lachten.
Astbert, der auch noch Junggeselle war, beneidete den Kronprinzen, der zwischen solch schönen Mädchen eine Frau wählen durfte. Besonders Zirba gefiel Astbert. Sie schien schon etwas besonnener als ihre Schwestern zu sein und außerdem mehr als nur wunderschön. Sie war die Schönste der vier jungen Damen, da war sich Astbert Kirschstein sicher. Aber auch Su war von der Lieblichkeit der Prinzessinnen beeindruckt, darum ließ sie auch während der Wanderung zum See ihren Mann nicht aus den Augen und wich ihm keinen Zentimeter von der Seite. Als sie die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, machten sie Rast. Zwischen Eichbäumen standen zwei Bänke. Es war nur Platz für die vier Prinzessinnen, für Holzfriedel und für Su. Tannenheinz war als einziger der Männer müde, vielleicht auch deswegen, weil einiges schief gelaufen war. Er suchte nach einer Sitzgelegenheit und fand schließlich einen großen Stein, der zwischen zwei Büschen in der Nähe lag. Tannenheinz Tannen setzte sich sogleich, aber plötzlich hob sich der Stein und rannte in Windeseile davon. Der Kronprinz saß auf einem verschreckten Reh.
„Zu Hilfe“, schrie er, „zu Hilfe!“
Brutus Halm hatte als erster die missliche Lage des Kronprinzen erkannt.
„Tannenheinz, dort“, schrie er Beulen-Joe und Astbert zu.
„Zu Hilfe“, schrie der Kronprinz noch einmal, bevor er auf dem Rücken des Rehs sitzend im dichten Unterholz verschwand.
Holzfriedel und Su schüttelten fassungslos die Köpfe, während die Prinzessinnen vergnügt lachten, als Brutus, Astbert und Beulen-Joe die Verfolgung aufnahmen. Gundermann Hohlstein blieb zum Schutz bei den Damen.
Brutus, als bester Waldläufer der Wurzelzwerge berühmt, fand bald die Spur des Rehs. Im Laufschritt folgten Beulen-Joe und Astbert Brutus. Ein Reh, viel größer als ein Wurzelzwerg, hatte eigentlich keine Angst vor ihnen. Aber vielleicht war der Schreck, dass da jemand auf seinem Rücken Platz genommen hatte, der Grund, weswegen es Hals über Kopf davongelaufen war.
Zweige schlugen ihnen ins Gesicht. Brutus hatte die Spur trotz des sehr dichten Bewuchses nicht verloren, aber sie hörten keine Hilferufe des Thronfolgers mehr. War er ohnmächtig? War er gestürzt? Astbert Kirschstein dachte mit Entsetzen an das Bild, das Tannenheinz Tannen bei den Prinzessinnen hinterlassen hatte. Würde auch jetzt noch eine von ihnen den Kronprinzen heiraten wollen? Beulen-Joe und Astbert wurden von Brutus angetrieben, der unbeirrt der Spur des flüchtigen Rehs folgte.
„Wir müssen ihn finden. Was würde unser König sagen, wenn wir statt eines Brautpaars nicht einmal mehr Tannenheinz nach Hause brächten“, sagte Brutus atemlos.
Während der rasanten Jagd stürzte Astbert krachend über eine Baumwurzel. Er verletzte sich am rechten Arm und auch sein Gesicht blutete leicht. Glücklicherweise hatte es Beulen-Joe gesehen, der Brutus zum Halten aufforderte. Sie halfen Astbert wieder auf die Beine, der sich aber nicht ernstlich verletzt hatte. So ging die Verfolgung des Rehs weiter. Das Unterholz wurde immer dichter. Astbert war schon total erschöpft. Auf einmal öffnete sich das Unterholz und sie standen vor einem Moorgebiet. Brutus Halm sah gerade noch, wie das Reh sich schwimmend aus dem Moor befreite und in das Unterholz am anderen Ende flüchtete. Aber Tannenheinz Tannen saß nicht mehr auf dem Rücken des Waldtiers. Hatten sie die ganze Zeit das falsche Reh verfolgt?
Da hörten sie die ihnen wohlbekannte Stimme: „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“
Und bald hatten die drei Wurzelzwerge ihren Kronprinzen entdeckt. Er lag natürlich in einem Moorloch. Kopfüber war er dort hineingepurzelt. Mit vereinten Kräften zogen Brutus, Beulen-Joe und Astbert ihn vorsichtig heraus.
„Tannenheinz, was hast du jetzt bloß wieder angestellt“, fragte Astbert fast schon respektlos.
„Nichts“, sagte Tannenheinz nur, „es war ein Unfall.“
Astbert Kirschstein schüttelte nur den Kopf. Was würden die Prinzessinnen sagen? Er befürchtete Schlimmes. Wortlos gingen die drei Wurzelzwerge mit ihrem Kronprinzen zurück zu den Wartenden.

Abgekämpft trafen sie dort bald ein. Als die Prinzessinnen Tannenheinz sahen, mussten sie schallend lachen, denn er sah so furchtbar schmutzig aus, wie ein kleiner Junge, der sich zusammen mit Schweinen gesuhlt hatte. Leider war nun auch König Zirbellius der Fabelhafte anwesend, der, als er Tannenheinz so sah, entsetzt den Kopf schüttelte.
„Ob man so um die Hand einer Prinzessin anhalten kann“, fragte Holzfriedel leise ihren Bruder.
Astbert hatte große Zweifel. Tannenheinz stand mit gesenktem Kopf zwischen Beulen-Joe und Astbert, die noch schwer atmend froh waren ihren zukünftigen König gerettet zu haben. Nur Brutus schien von der Rettungsaktion kaum mitgenommen.
„Herr Halm, Sie sind aber stark“, bemerkte Prinzessin Zirbu begeistert.
Brutus lief rot an und antwortete nicht.
„Was ist passiert“, fragte König Zirbellius der Fabelhafte höflich, obwohl er genau wusste, was passiert war.
„Ein Reh hat mich mit sich fortgerissen“, antwortete Tannenheinz leise.
„Na, ja“, sagte der König milde, „säubern Sie sich. Danach werden wir uns alle noch einmal zusammensetzen.“
„Jawohl“, antwortete Astbert anstelle von Tannenheinz, der vollkommen durchnässt, nun zu zittern begann.
„Oh“, sagte plötzlich Prinzessin Zirba, „Herr Kirschstein, Sie sind ja verletzt.“
Und schon untersuchte sie fürsorglich seine Wunden.
„Das sieht nicht gut aus. Ich werde es drinnen gleich auswaschen und verbinden“, sagte Zirba, dabei blickte sie Astbert tief in die Augen.
„Oh“, sagte nun Zirbo, „Herr Spies, auch Sie sind verwundet.“
Schon wollte sie Beulen-Joes Wunde begutachten, als Su vehement dazwischen trat und sagte: „Meinen Johann verbinde nur ich, Prinzessin. Verzeiht.“
„Deine Frau ist ja richtig eifersüchtig“, raunte Brutus Beulen-Joe zu.
Dieser nickte kurz und grinste ihn an: „Ist doch toll, oder?“