Leseprobe


Herzlinde Meyerdierks


Wurzelzwerge im Land der Regenbögen

Der Fluss

Kurz nach Mittag erreichten sie den Fluss, der durch den ständigen Regen gewaltige Ausmaße angenommen hatte. Er war wie ein wildes Tier, das alles mit sich fortriss. Er war laut und stark. Sorgenvoll starrten sie den gewaltigen Strom an.
„Bauen wir ein Floß“, meinte Brutus Halm.
„Mit einem unserer Flöße hätten wir auf diesem Fluss keine Chance, Brutus. Er ist viel zu wild. Wir würden unweigerlich kentern“, sagte Astbert Kirschstein.
„Aber was können wir tun“, fragte Tacitus, „wir müssen ihn überqueren.“
Unentschlossen standen die fünf Wurzelzwerge am Ufer des tobenden Flusses.
„Ich habe eine Idee“, sagte Beulen-Joe Spies.
Wie er zu diesem merkwürdigen Vornamen gekommen war, wusste niemand mehr, nicht einmal er selbst.
Beulen-Joe Spies nahm ein langes Seil von der Schulter, knotete das eine Ende an seinen Speer und das andere an einen in der Nähe stehenden dicken Baum fest und trat einige Schritte zurück.
„Was hast du vor“, fragte Astbert.
„Ich werde meinen Speer zum anderen Ufer werfen. Und zwar“, er deutete auf eine Erle auf der anderen Seite des Flusses, „dorthin.“
„Und wir sollen uns dann am Seil über den Fluss hangeln“, fragte Zweigfried Kirschstein nachdenklich.
Beulen-Joe antwortete nicht. Er ging noch einige weitere Schritte zurück und warf nach einem Anlauf seinen Speer kraftvoll ab. Es war ein fantastischer Wurf. Der Speer flog über den tobenden Fluss und bohrte sich mitten in die Erle hinein. Das Seil war lang genug, sodass es jetzt stramm über dem Fluss hing. Beulen-Joe prüfte die Festigkeit des Seiles. Es war in Ordnung.
„Ich bin der Erste“, sagte er noch und sprang mit seinem ganzen Gepäck an das Seil und begann seine gefährliche Hangelei über den wilden Fluss.


Beulen-Joe war stark und kam ohne große Mühe hinüber. Auch Brutus Halm, der Kämpe schaffte die Kletterpartie mit Leichtigkeit. Nun war Astbert Kirschstein an der Reihe, der nicht so gut in Form war wie die beiden Soldaten. Ängstlich starrte Astbert das Seil an. Tacitus Halm sprach ihm Mut zu. Dann begann Astbert sein großes Abenteuer. Zuerst ging es leichter, als er es gedacht hatte. Aber als er mitten über dem Fluss nach unten starrte, wurde ihm übel und die Kräfte verließen ihn. Wie gelähmt hing er bewegungslos am Seil. Auch das Rufen von Brutus und Beulen-Joe, er solle weitermachen, half ihm nicht. Er konnte nicht mehr. Krampfhaft hielt er sich am Seil fest. Dann hatten seine Hände keine Kraft mehr.
Er schloss verzweifelt die Augen und am liebsten hätte er auch die Ohren geschlossen, um diese tobenden Wassermassen unter sich nicht mehr hören zu müssen. Seine Hände lösten sich langsam vom Seil. Er wusste, es war zu Ende. Plötzlich hielt ihn ein starker Arm fest. Es war Beulen-Joe Spies, der sich zurückgehangelt hatte, um das Leben Astberts zu retten. Glücklicherweise war der Wurf Beulen-Joes so kräftig und treffsicher gewesen, dass das Seil zwei Männer gleichzeitig tragen konnte. Langsam und vorsichtig unterstützte Beulen-Joe Astbert bei seiner Klettertour über den Fluss. Vollkommen entkräftet erreichten sie schließlich das andere Ufer.
Nun war Tacitus Halm an der Reihe, der als ausgezeichneter Sportler mit dem Überwinden des Flusses keine Schwierigkeiten hatte. Als Letzter stand nun Zweigfried Kirschstein bereit. Er war jünger und kräftiger als sein Bruder, aber trotzdem hatte er große Angst. Er zögerte lange, aber als er Rotfuchs plötzlich näher kommen sah, überwand er seine Beklommenheit und schwang sich an das Seil. Gerade noch rechtzeitig. Zweigfried verlieh die doppelte Gefahr Kraft und er hatte beinahe das andere Ufer erreicht, als er einen Ruck verspürte, der ihn fast in den Fluss geworfen hätte. Der Speer in der Erle hatte sich gelockert. Bei dem Ruck verlor Zweigfried seine ganze Ausrüstung, die im Fluss versank. Seine Freunde hatten alles genau beobachtet und stützten nun gemeinsam den Speer in der Erle so lange, bis auch Zweigfried Kirschstein das Ufer erreicht hatte. Glücklich umarmten sich die Freunde. Der Fluss war überwunden. Aber nun waren sie in einem fremden Land, wo noch nie vorher ein Wurzelzwerg gewesen war. Unsicher blickten sie sich um. Aber ihre Reise musste weitergehen. Ohne ihre Kochutensilien nahmen sie ihre Wanderung nach Osten wieder auf.