Leseprobe 1


Die wunderlichen, aber wahren Hafengeschichten des Jakob Kruschinski

 von Jan Schmietwech

 

 

Eine Großauswahl von ganz außergewöhnlichen Typen gab es im Hafen! Heute würden Chefs solche Leute strengstens beäugen und bei passender Gelegenheit entlassen.

 

Der Nagel im Bein

 

Er war Tallymann und hieß Bernhard. Schicht um Schicht arbeitete er im Hafen, zählte, wog und maß Ladungen für die Überseeschiffe und schrieb Listen oder Manifeste, wie es ein richtiger Tallymann eben zu machen hatte. Und er trank, wie es damals im Hafen nicht unüblich war, und das sogar sehr viel und häufig. Glücklicherweise war der Schnaps im Hafen sehr billig, denn er stammte von den Schiffen, wo er günstig, da steuerfrei, zu erwerben war. Eigentlich war Bernhard jeden Tag betrunken und saß nach Feierabend noch lange mit Kollegen, anderen Angestellten und Arbeitern des Hafens in den Betriebsräumen oder in der Kantine zusammen. Bernhard führte gerne das große Wort und wusste immer etwas Interessantes zu erzählen. Besonders wenn mal eine Frau dabei war, sei es die Ehefrau eines Hafenmenschen, die ihren Mann nach Hause zu lotsen versuchte oder eine Sekretärin oder Kundin, lief er zur großen Form auf.

So auch eines Tages, damals war Bernhard vielleicht um die 50 Jahre alt, als er sich einen Spaß daraus machte, der einzigen anwesenden Frau mal richtig einen Schock zu versetzen.

„Es ist ein richtiges Scheißleben und ich habe einfach keine Lust mehr“, sagte er leise mit gequältem Gesicht zu ihr.

Seine noch ziemlich junge Gesprächspartnerin schaute ihn mitleidig an und fragte nur: „Ach, Bernhard, warum denn? Du hast Arbeit, verdienst gutes Geld und bist gesund!“

„Ja, stimmt, Karin. Mir geht es gut.“

Ohne Vorwarnung holte er einen langen Nagel aus seiner Tasche, griff sich einen in der Nähe liegenden Hammer und schlug den Nagel durch seine Hose tief in sein rechtes Bein. Er schrie nicht vor Schmerz auf, sondern schaute stattdessen die Frau ganz entspannt und belustigt an.

Karin wurde ganz weiß im Gesicht, war geschockt und stand kurz vor einer Ohnmacht.

„Oh“, brachte sie nur noch röchelnd hervor.

Die anderen Männer im Raum lächelten nur vergnügt, als Bernhard aus seiner Jackentasche einen Schlüsselbund nahm und diesen an den Nagel, der ungefähr drei Zentimeter aus seinem Bein ragte, hängte.

„Oh“, röchelte sie wieder und schien zusammenzusacken.

Viele hilfreiche Hände – mehr als nötig gewesen wären – stützten sie und einer der Männer sagte zu Bernhard: „Lass es gut sein, Bernie!“

Dieser grinste dreckig und nahm den Schlüsselbund wieder ab und zog mit einer griffbereiten Zange den Nagel wieder aus seinem Bein.

„Oh“, begann sie wieder zu röcheln und sackte wieder zusammen.

Nur den zahlreichen, hilfsbereiten, männlichen Händen war es zu verdanken, dass die hübsche Karin nicht vom Stuhl rutschte.

„Bernhard, nun ist es gut“, sagte einer der Männer zum grinsenden und stark angetrunkenen Tallymann.

 

Dieser krempelte sein Hosenbein genüsslich und langsam hoch und präsentierte Karin triumphierend sein schon sehr stark lädiertes Holzbein, was von außen als solches nicht auszumachen war, zumal er auch noch schöne und teure Schuhe trug. In seinem Bein steckten noch einige abgebrochene, rostige Nägel. Zur Krönung seiner Vorführung trank Bernhard noch einen Schnaps und ging dann fröhlich nach Hause. Die gute Karin erholte sich bald wieder und ging von nun an dem guten Bernhard aus dem Weg.