Leseprobe 2


Die wunderlichen, aber wahren Hafengeschichten des Jakob Kruschinski

 von Jan Schmietwech

 

Aber auch kulturell wurde schon einiges im Hafen geboten.


Das Pornokino

 

Vorarbeiter Fiete Piepmeier, der aus Ritterhude stammte und schon lange im Hafen arbeitete, hatte eine Vorliebe für Pornofilme und Sexmagazine. Und der Beate-Uhse-Katalog besaß bei ihm den Stellenwert wie die Bibel für einen religiösen Menschen. Er bekam einen richtig verklärten Blick, wenn er im Katalog herumblätterte. Bei seinen Kollegen genoss der eher kleine, aber sehr drahtige Fiete Piepmeier allein schon wegen seiner genannten Vorlieben große Anerkennung und Bewunderung. Hatte einer der Kollegen Fragen zu einem sexuellen Problem, Fiete wusste Rat. Er holte den Beate- Uhse-Katalog aus seinem Spind, blätterte nur wenige Sekunden darin herum und gab dem Kollegen fundierte Vorschläge mit Fotobeispielen, wie er das jeweilige Problem lösen könne. Ja, der gute Fiete war wirklich der Fachmann, der auf alles eine Antwort wusste. Er konnte auch über das für Liebesspiele angebotene Equipment praktische Tipps geben. Niemand hatte es nötig die Gebrauchsanleitungen zu lesen, denn Piepmeier hatte sich ein fundiertes Wissen über diese Dinge angeeignet.


Bald brachte er sogar einige Artikel von zu Hause mit in den Hafen. Und das waren nicht nur Kondome oder vielleicht mal ein Vibrator. Nein, er hatte einfach alles da und begann schließlich sogar am Arbeitsplatz damit zu handeln. Er bekam vom Betriebsleiter, der einer seiner besten Kunden wurde, einen extra Spind, wo er die Utensilien zwischenlagern konnte. Vorarbeiter Fiete Piepmeier baute sich so mit der Zeit ein zweites äußerst lukratives Standbein auf. Und als ihn Kollegen auch nach Pornofilmen fragten und er zufällig noch einen zweiten kleinen Filmprojektor besaß, kam er auf die glorreiche Idee ein kleines Pornokino im fast leeren Fahrradkeller des Betriebsgebäudes einzurichten. Schnell wurde etwas weiße Farbe von zu Hause mitgebracht, eine Wand angepinselt, die als Leinwand dienen sollte, und der Projektor aufgebaut. Dann gab es noch etwas Arbeit für den Betriebselektriker, der eine zusätzliche Stromleitung in den Fahrradkeller verlegen musste. Ein weiterer Spind nur für die Filmrollen hatte ihm der Betriebsleiter schnell zur Verfügung gestellt. Stühle wurden herangeschafft und schon konnte die erste Vorstellung über die Bühne gehen.

Zuerst waren es nur Fiete, der Betriebsleiter und noch drei oder vier Leute, die im Keller saßen. Aber es sprach sich in Windeseile herum, was sich im Fahrradkeller abspielte. Der Besucherstrom nahm immer mehr zu, sodass nach zwei Wochen Laufzeit schon mehr als zwanzig Leute zuschauten. Und nicht nur der Betriebsleiter, sondern auch andere Prominenz ließen sich zu den Aufführungen sehen. Es wurde ein riesiger Erfolg, obwohl das Kino natürlich nur während der Pausen geöffnet war. Böse Zungen behaupteten sogar, dass es auch während der Arbeitszeiten lief, aber dieses wurde immer bestritten. Probleme gab es bald mit den zunehmenden Kinobesuchern, denn es waren einfach nicht genug Stühle in der Betriebseinheit vorhanden, sodass einige Kollegen begannen Klappstühle von zu Hause mitzubringen um ja nicht einen Film zu verpassen. Fiete Piepmeiers Filmpalast im Fahrradkeller wurde zu einer Erfolgsgeschichte; und damit sein Publikum einen Überblick über die Filmvorführungen hatte, ließ der Veranstalter sogar kleine Programmhefte drucken.  

Piepmeier bot dem Publikum vor und nach den Filmen seine Waren an. Und diese Verkaufsveranstaltungen fanden auch ihre Liebhaber, die es privat sonst nicht wagten in einen Sexshop zu gehen oder etwas per Post bei den entsprechenden Versandhäusern zu bestellen. Fietes Geschäft blühte und er war damit so ausgelastet, dass er sich sogar beurlauben ließ um mehr Zeit für seine außerbetrieblichen Aktivitäten zu haben. Aber auch außerhalb des Kinoprogramms und seinen Verkaufsveranstaltungen bot er den Leuten einiges an Attraktionen. So gab es an jedem zweiten Sonntag eine Mega-Vorführung von drei Stunden. Als zum Beispiel ein schwedisches Kühlschiff an der Kaje lag, veranstaltete Fiete Piepmeier einen Themenabend, an dem es nur schwedische Pornofilme zu sehen gab. Einmal im Monat trafen sich Interessierte im Fahrradkeller zu einer Art Tupperparty für Sexartikel und Dessous. Auch dort ging es immer hoch her.

Piepmeiers Erfolg erreichte seinen Höhepunkt, als zu jeder Filmvorführung mehr als 50 begeisterte Zuschauer kamen. Im Hochgefühl beging er dann aber einen schweren Fehler. Er lud an einem Samstagnachmittag eine dunkelhaarige Stripperin ein, die mit ihrer aufregenden und sehr professionellen Stripshow die anwesenden 57 Kollegen, die den kleinen Fahrradkeller fast zum Bersten brachten, so richtig aufheizte. Leider brach eine große Schlägerei zwischen mehreren Männern aus, als die Künstlerin angeblich einem der Männer einen schmachtenden Blick zuwarf und dieser sich gegenüber seinen Kollegen damit brüstete, dass er sie nach der Show flachlegen würde – wie er sich ausdrückte. Aber ein anderer Kollege, der meinte ebenfalls von der Stripperin mit einem anzüglichen Blick bedacht worden zu sein, wollte die Aussage des anderen nicht gelten lassen und zettelte einen Streit an. Piepmeier brachte die Stripperin – sie nannte sich Sunny Fantastic – in Sicherheit, aber es war zu spät. Das Blut kochte in den Adern der Männer und die Schlägerei tobte bald vom Fahrradkeller bis hoch in die anderen Betriebsräume. Und als endlich auch einige Fensterscheiben zu Bruch gingen, rückte die Polizei an und führte einige der Hafenarbeiter, dummerweise waren auch zwei Betriebsleiter unter den Festgenommenen, ab ins Revier. Und für das illegale Pornokino Fiete Piepmeiers bedeutete das auch das abrupte Ende. Nie vergaßen die Kollegen ihr wunderbares Kino dort im Fahrradkeller, wo sie so viele schöne Stunden verlebt hatten.