Leseprobe 2

 

Jan Schmietwech

 

Der gute Salzhering, das Holzbein un die Bangbüx

 

Schmietwechs sonderbare Odyssee


Der Eintänzer

Da war ich also wieder allein unterwegs. Der geneigte Leser - toll ausgedrückt, nicht wahr - wird sagen: Das hatten wir doch schon. Allein an einer exotischen Küste, wandernd und nach Schiffen ausspähend. Jawohl, ja. Aber so war das nun einmal. Alles wiederholt sich eben. Und so - nun fange ich noch einmal an - schlenderte ich also an einer exotischen Küste Richtung Norden entlang, spähte nach Schiffen, wilden Tieren und Eingeborenen aus, aß schlauerweise Essbares, was mir das Meer und die Bäume und Pflanzen direkt an der Küste zu liefern imstande waren und träumte von der Heimat. Zu Hause musste gerade Winter sein, wahrscheinlich kalt und nass und von heftigen Winden - jetzt nicht an Neu-Furzheim denken - begleitet. Also nicht gerade schönes Wetter, aber irgendwie schien ich so ein Wetter nach so vielen Jahren in der Fremde zu vermissen. Jetzt galt es aber erst einmal einen größeren Hafen zu finden. So wanderte ich also frohen Mutes die brasilianische Küste entlang, begegnete einigen Einheimischen, die mich wohl musterten, aber mich unbelästigt weiterziehen ließen. Meine Hose und mein Hemd lösten sich unter der brennenden Sonne langsam auf und meine Augenbrauen wucherten. Stolz war ich damals auf meinen selbst gefertigten Hut - heute würde man wohl Strohhut dazu sagen. Schilf war das Ausgangsmaterial für diesen wunderbaren Gebrauchsgegenstand.
Die Provinz Pernambuco war durch Zuckerrohr reich geworden und genau da wollte ich hin. Ich hatte schon von der Schönheit Olindas, der ehemaligen Hauptstadt der Provinz, gehört. Und natürlich vom Venedig Brasiliens, Pernambuco, das heute Recife heißt und verteilt auf drei Inseln mitten zwischen zwei Flüssen gelegen, sich ausdehnt. Kurzfristig für etwas über zwanzig Jahre war die Provinz einst holländisch gewesen. Ich war schon gespannt darauf, den holländischen Einfluss in der Architektur von Olinda und Pernambuco zu entdecken. Die Küste war traumhaft schön und so kam ich beschwingt voran. Endlich nach gut zehn Tagen sah ich am Horizont eine große Stadt auftauchen. Ah, bald hatte ich es geschafft! Ich durchschritt die ersten Vororte und begann mit der Bevölkerung zu sprechen. Gut, ich sprach kein portugiesisch, aber auch ohne diese Sprache zu beherrschen konnte man sich verständigen. Und ich war sehr erstaunt, als ich erfahren musste nicht Pernambuco erreicht zu haben. Ich befand mich kurz vor Bahia, heute Salvador. Da hatte ich mich aber ganz schön verhauen. Oh, oh. Peinlich. Ich war doch viel weiter im Süden, als ich gedacht hatte. Bahia war aber nicht schlechter als Pernambuco, auch hier sollte sich ein Schiff, das mich in die Heimat bringen könnte, relativ leicht finden lassen.
Dann erreichte ich die Stadt und ging durch die Gassen. Fröhliche Kinder sprangen um mich herum. Hier tobte das Leben. Die Beschaulichkeit der letzten Monate war dahin. Aber ich genoss es, der Heimat wieder ein großes Stück näher gekommen zu sein.
Über mir in einem großen Haus ertönte auf einmal mächtig Geschrei. Ein Ehepaar schien sich zu beschimpfen. Und plötzlich wurde etwas aus einem Fenster geworfen. Ich reagierte fabelhaft und sprang leicht federnd zur Seite und entging so elegant dem Gegenstand. Es war ein gewaltiger Blumentopf gewesen, der nun auf das Straßenpflaster knallte und zerbrach. Ich schnaufte kurz durch, denn so ein Unglück konnte einem schnell das Leben kosten. Ich ging unbeirrt weiter und sah den ersehnten Hafen vor mir. Aber da bemerkte ich, dass mich eine alte Dame verfolgte.
„Mister, Mister“, rief sie.
Sie hatte in mich wohl einen Ausländer erkannt. Ich blieb irritiert stehen. Sie kam schwer atmend heran und redete sofort auf mich ein. Leider sprach sie nur gebrochen Englisch, aber scheinbar schien ihr meine Eleganz beim Ausweichen des Blumentopfes beeindruckt zu haben. Mein geschmeidiger Bewegungsablauf, jawohl! Was? Ich gebe schon wieder an? Die Eleganz steckt einfach in mir. Da kann man nichts machen, Kinners.
Auf jeden Fall meinte ich das Wort Samba herausgehört zu haben. Mehr verstand ich nicht. Sie nahm mich an den Arm und zerrte mich zu einer Bar. Es war eine schöne Tanzbar, wo meine Begleiterin - scheinbar schwärmend - auf einen Mann einsprach. Dieser lächelte und betrachtete mich eingehend. Langsam wurde ich doch unruhig. Was wollten sie von mir?

Dann kam der Mann - schwarzer Schnauzbart, braungebrannt und mittleren Alters - zu mir und sagte: „Mister, ich bin Besitzer dieser wunderschönen Tanzbar. Sie sehen aus, als könnten Sie Geld gebrauchen. Wollen Sie nicht für mich arbeiten?“
Er sprach perfektes Englisch.
„Warum nicht“, antwortete ich sogleich.
„Tante Beatriz meinte, Sie wären der ideale Eintänzer für unsere weiblichen Gäste, Mister ….“
„Schmietwech.“
„Mister Schmietwech.“
„Ich bin eigentlich kein großer Tänzer“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Unsere weiblichen Gäste werden Sie mögen, Mister Schmietwech. Wollen wir es versuchen?“
Das schmeichelte mir natürlich. So stimmte ich zu. Außerdem musste ich mir auch die Überfahrt nach Europa verdienen. Und als wir uns noch über meine Gage geeinigt hatten, konnte es losgehen.
Zuerst wurde ich neu eingekleidet. Blütenweißes Hemd, blaue Samthose, schwarze Schuhe. Ein Besuch beim Friseur um die Ecke und schon sah ich wieder hervorragend - wenn ich ausnahmsweise mal unbescheiden sein darf - aus. Dabei möchte ich noch erwähnen, dass der Friseur - ein kleiner, ebenfalls mit nicht mehr sehr vielen Haaren gesegneter Mann - auch meine Augenbrauen auf eine normale Größe zurückschnitt und ihnen dabei einen kühnen Aufwärtsschwung verpasste. Sah irgendwie richtig gut aus. Als letztes durfte ich mir einen Hut aussuchen, denn meine nicht mehr vorhandene Haarpracht sollte den Damen nicht sogleich in die Augen springen. Schließlich war es meine Aufgabe mit den Damen zu tanzen und sie dabei zu animieren sehr viele Getränke zu verköstigen und so lange es ging an mich und die Bar zu fesseln. Natürlich stellte mir Joao, der Inhaber der Bar, für den ersten Tag einen Tanzlehrer zur Seite, der mir den Paso Doble, den Samba und noch weitere Tänze erklärte und zeigte. Aber irgendwie war ich sehr zuversichtlich den Damen zu gefallen, denn ich fühlte mich im Moment so gut wie schon lange nicht mehr. Vielleicht war ich für die Brasilianerinnen der richtige Typ.
An meinem zweiten Arbeitstag ging es richtig los. Die Bar öffnete erst gegen 22.00 Uhr. Ich saß mit drei weiteren Eintänzern - als Latin Lovers würde man sie wohl heutzutage bezeichnen - an der Bar und wartete. Übrigens hatten wir eine sehr gute kleine Kapelle - nein, keine zum Beten, Kinners, sondern zum Musizieren. Dann strömten die Damen herein. Einige von ihnen hatten einen männlichen Begleiter, aber die meisten von ihnen waren allein. Es waren - wie es schien - wohlhabende und nicht mehr ganz junge Frauen, die mich sogleich in Augenschein nahmen. Ich war schließlich der neue. An den ersten Tagen fiel es mir noch schwer die manchmal auch nicht mehr ganz schlanken, älteren Damen über das Parkett zu schleifen und ich war furchtbar kaputt, wenn endlich Feierabend war. Aber mit den Tagen gewöhnte ich mich an meine Arbeit und begann sie fast zu lieben. Frauen sind doch herrliche Geschöpfe! Bald wurde ich der beliebteste Eintänzer unserer Tanzbar. Mein Paso Doble war unerreicht und Joao mit mir sehr zufrieden. Auch der Samba gelang mir zufrieden stellend. Und als ich dann noch den Schwof nach Südamerika brachte - ja, ich weiß, dass schwofen eigentlich nur „tanzen gehen“ bedeutet, aber hier meine ich das langsame Drehen mit sehr viel Körperkontakt, wie fest in die Arme nehmen und Wange an Wange tanzen oder vielleicht noch besser erklärt: „Umarmen mit leichten Bewegungen zur Musik“ - war es um die Damenwelt in Bahia und Umgebung geschehen. Sie rissen sich um mich! In meinen Armen wurden sie schwach. Einige fielen vor Verzückung in Ohnmacht. Was waren das damals für Tage! Jeder Schwof mit mir musste ersteigert werden und Joaos Augen strahlten von Tag zu Tag mehr, denn seine Tanzbar war immer brechend voll.
Diese herrlichen Frauen! Da gab es Giovanna, Ana, Larissa, Bruna, Vitoria, die große und die kleine Gabriela, die ältere und die jüngere Maria und die - obwohl nicht mehr besonders jung - wunderschöne Julia, dann die flotte und besonders tanzwütige Beatriz - nein, nicht Joaos Tante. Ja, und es gab die extrem heißblütige Leticia. Mann, hatte diese Frau Feuer! Wenn ich mit ihr schwofte, drohte ich zu verbrennen. Leticia war eine reiche, aber auch einsame Plantagenbesitzerin mittleren Alters mit einem schönen Gesicht, die dabei auch eine durchaus gute Figur besaß. Und sie besuchte Joaos Tanzbar jeden Tag und betrachtete mich unentwegt. Sie tanzte nur mit mir und wenn sie eine Pause benötigte, saß sie an der Bar und beobachtete mich und meine neue Tanzpartnerin ganz genau. Joao hatte Leticias verstärktes Interesse an meiner Person auch schon bemerkt und warnte mich vor den Gefahren einer Affäre mit einem Gast. Leticia wurde wie es schien von Tag zu Tag eifersüchtiger. Als mich eines Abends die schöne Julia im Überschwang eines phantastischen Schwofs auf den Mund küsste - es schmeckte wunderbar - rastete Leticia aus und griff in das Haar Julias und schrie ihre Konkurrentin an. Ich verstand kein Wort und zog mich schnell zurück. Angsthase? Nein, ich musste mich zurückziehen, denn Joao wies mich an in die Garderobe zu gehen. Unser Kapellmeister Pedro, der Trompeter Luiz und der Geiger Gustavo unterstützten Joao bei dem Versuch Julia und Leticia auseinander zu bekommen. Ohne Kratzer und Hautabschürfungen ging es für den Barbesitzer und die drei Musiker nicht aus, aber schließlich gelang es ihnen doch die beiden Frauen zu trennen. Leticia verließ wutentbrannt die Bar, während die schöne Julia blieb und sich von den anderen anwesenden Frauen bedauern ließ. Ich nahm meine Arbeit wieder auf und tanzte noch den einen und anderen Tanz mit unseren Damen.
Am nächsten Abend erschienen bis auf Leticia wieder alle Damen und ich tanzte mit der schönen Julia einen wahnsinnig tollen Schwof. Plötzlich betraten sechs vermummte Männer Joaos Bar und steuerten direkt auf mich zu. Julia klammerte sich fest, aber die Männer rissen sie von mir fort. Ich bekam nun tatsächlich Angst - was ihr mir natürlich nicht zutrauen würdet. Aber doch, ich hatte Angst. Und wie sich herausstellte, war sie auch begründet. Zwei der Männer drehten mir gleich die Arme auf den Rücken und fesselten mich, während die anderen Aggressoren Joao und die Musiker mit Schießeisen bedrohten. Ich werde entführt, wurde mir plötzlich klar.
Die Damen riefen entsetzt: „Jan. Jan.“
Dann begannen sie zu kreischen. Die kleine Gabriela, die den nächsten Tanz mit mir gehabt hätte, wollte mich befreien, aber es nützte nichts. Ihr Protestieren wurde nicht erhört. Ich wurde auf die um diese Zeit wenig belebte Straße gezerrt und in eine Kutsche geschupst. Zwei der Entführer nahmen neben mir in der Kutsche Platz. Dann setzten sich die beiden Pferde in Bewegung. Ich sah noch Joao und die Damen vor die Bar treten und aufgeregt nach der Polizei rufen, aber es war zu spät und ich ein verwirrtes, aber natürlich gefasstes Entführungsopfer.