Leseprobe 3

 

Jan Schmietwech

 

Der gute Salzhering, das Holzbein un die Bangbüx

 

Schmietwechs sonderbare Odyssee


Die "Mary Celeste"

Die „Mary Celeste“ war eine amerikanische Brigantine, also ein zweimastiges Segelschiff. Ich hatte das Glück, dass der Steward und Koch Edward W. Head nicht an Bord zurückgekommen war. Wie man mir erzählte, konnte sich Edward nicht von einer schönen Frau lösen und blieb somit bei ihr in Bahia. Irgendwie konnte ich das gut verstehen! So sprang ich ein und verdingte mich wieder einmal als Schiffskoch und das, obwohl ich gar nicht kochen konnte. Aber was sollte ich tun? Denn die Häscher Leticias waren hinter mir her und hätten mich fast noch erwischt. Als die „Mary Celeste“ abgelegt und sich vielleicht gerade einmal hundert Meter von ihrem Liegeplatz entfernt hatte, sah ich Leticias Leute auf der Kaje hinter uns hersehen. Das war knapp!
Aber nun war ich vor der heißblütigen Frau in Sicherheit und an Bord eines Schiffes, das mich der Heimat näher bringen sollte. Dass nun Kapitän Benjamin S. Briggs, seine Frau Sarah Elizabeth, beider Tochter Sophia Matilda (gerade einmal zwei Jahre alt), der 1. Maat Albert C. Richardson, der 2. Maat Andrew Gilling, der Holländer Arian Martens und meine drei Landsleute - was für eine Freude hier Deutsche zu treffen - die Brüder Volkert und Boy Lorenzen, sowie Gottlieb Gondeschall, was ihre Gesundheit betraf, sich in meine Hände begeben hatten, war natürlich eine andere Sache. Und wenn ich ehrlich bin, ich hatte schon einige Male Menschen mit meiner Kochkunst vehement in die bekannten kleinen gekachelten Räume getrieben. Die armen Leute! Ich nahm mir wirklich vor mein Bestes zu geben. Natürlich wie immer, aber besonders da es nun endlich nach Hause ging. Wohl nicht direkt, aber die „Mary Celeste“ war auf dem Weg zu den Azoren und von dort - damals ein wichtiger Anlaufpunkt für die Weltflotte - sollte es für mich ein leichtes Unterfangen sein ein Schiff bis nach Deutschland zu finden. Kinners, ich war so glücklich und das machte sich auch in meiner so genannten Kochkunst bemerkbar. Die Besatzung und sogar die Frau des Kapitäns waren mit mir zufrieden. Ich war selbst überrascht. Ehrlich! Es gab reichlich Labskaus und in den ersten Tagen viel frisches Obst und Gemüse.
Aber dann wurde ich leichtsinnig. Ich begann mich an Rezepte meiner Großmutter zu erinnern und probierte sie aus. Zuerst ließen Kapitän Briggs und die Besatzung mich gewähren, aber als die Frau und die Tochter des Kapitäns, sowie Andrew und Arian, der als Holländer außerhalb der Inneren Mongolei geboren worden war, Bauchschmerzen bekamen und sich mehrmals in alle Richtungen erleichtern mussten, wurden die Familie Briggs und meine Kollegen mit mir langsam ungeduldig und böse, so als wollte ich sie allen Ernstes vergiften. Was natürlich nicht zutraf. Warum sollte ich auch?

Und dann kam der Tag, der die „Mary Celeste“ zur Legende machen sollte. Gottlieb, der eigentlich eine richtige Naschkatze war, hatte sich schon tagelang nicht mehr in meiner Kombüse blicken lassen, als er dann schließlich doch leicht verunsichert zu mir kam und mich bat, doch bitte einmal Bratheringe zu servieren, weil er sie so sehr mochte. Froh darüber, dass noch jemand mit mir sprach, machte ich mich sogleich ans Werk. Ich weiß bis heute nicht, warum es beim Braten der Heringe noch mehr stank, als es sonst schon riecht. Aber es war grausam. Und zwar so grausam, dass Kapitän Briggs seine Familie vor dieser Belästigung in Sicherheit bringen musste. Aber auch die übrigen Besatzungsangehörigen schienen meinem Bratheringsduft ablehnend gegenüber zu stehen. So wies der Kapitän eine vorläufige Evakuierung der „Mary Celeste“ an. Nur einer sollte an Bord bleiben und für eine ausreichende Belüftung des Schiffes sorgen, damit die Besatzung und die Familie Briggs wieder an Bord zurückkehren konnten. Und derjenige war natürlich ich. Der Kapitän, seine Familie und meine entsetzten Kollegen, die allesamt nicht gut auf Gottlieb zu sprechen waren, enterten das Rettungsboot und ließen sich von der „Mary Celeste“ in Schlepptau nehmen. So kämpfte ich also allein in den folgenden Stunden gegen die sehr unangenehmen Gerüche. Ich hatte doch mein Bestes gegeben und stand nun allein einem großen Problem gegenüber. Denn unglücklicherweise spielte das Wetter nicht mit und der Bratheringsduft hing wie eine Glocke über dem Schiff.
Ich briet quasi als Gegengift noch mehr Heringe, aber es half nicht. Die Glocke wurde nur noch dichter.
Ich war ratlos und rief zum Kapitän hinüber: „Sorry, Captain.“
Kapitän Briggs antwortete milde: „Warten wir auf anderes Wetter.“
Ich versorgte - so gut es ging - meine Kollegen und die Kapitänsfamilie von der „Mary Celeste“ aus mit Nahrungsmitteln, die, wenn ich sie schwimmend - mit der rechten Hand ein Tablett balancierend und mit der linken Schwimmbewegungen machend - zum Rettungsboot gebracht hatte, misstrauisch beäugt wurden. Besonders Mrs. Briggs, die ihre Tochter fest umklammert hielt, schien mich absolut nicht mehr zu mögen. Sie zischelte ihrem Mann zu, dass sie nie wieder sein Schiff betreten würde, wenn ich an Bord wäre, egal ob als Schiffskoch oder einfacher Matrose. Das traf mich natürlich hart. Eben wurde ich noch von der Damenwelt angehimmelt und nun war ich praktisch eine Unperson, die fast schon gehasst wurde. Nie mehr Schiffskoch! Nie mehr! Wenn ich vor Wasser triefend an Deck stand, nahm meine Kleidung noch kräftiger den Bratheringsduft auf und ich stank fürchterlich, so dass ich beim nächsten Mal nur bis auf drei Meter an das Rettungsboot heranschwimmen durfte und werfend die Nahrungsmittel übergeben musste. Mrs. Briggs tat so - oder war es echt? - als müsste sie sich übergeben, wenn sie mich nur sah. Und das kleine Töchterchen weinte, weil die Mutter es so fest an sich presste, als wollte sie es vor mir schützen. Schmietwech, der Bösewicht! Was hatte ich bloß getan? Das konnte ich nie wieder gut machen.
„Mensch, Jan“, sagte Volkert noch, „Kochen kannst du nicht.“
Ein unwahrscheinlich langer Satz für den ansonsten sehr schweigsamen Volkert Lorenzen.
Und sein Bruder Boy ergänzte viel sagend: „Jo.“
Dann kam die Nacht, die Glocke hing immer noch über dem Schiff und bis auf mich saßen alle weiter im Rettungsboot. Es begann plötzlich eine starke Brise zu wehen und das Unglück nahm seinen Lauf. Die Wellen schüttelten die „Mary Celeste“ hin und her. Und das Rettungsboot? Kapitän Briggs und die anderen schienen ebenso wie ich vom Wetterumschwung überrascht worden zu sein. Denn bei diesem Sturm hätten alle wieder auf das Schiff zurückkehren müssen. Ich stand an Deck und rief zum in der Dunkelheit nicht auszumachenden Rettungsboot hinüber, aber ich bekam keine Antwort. Es lag wohl am tobenden Sturmwind, dass sie mich nicht hören konnten, dachte ich. Als es wieder hell wurde, das Wetter sich beruhigt hatte und die Bratheringsduftglocke endlich verschwunden war, war auch das Rettungsboot nicht mehr da. Es hatte sich in der Nacht losgerissen. Auch am Horizont war kein Boot auszumachen. Hoffentlich war ihnen nichts passiert! Mein Gewissen plagte mich tagelang, denn sollten meine Bratheringe am Tod so vieler Menschen verantwortlich sein, wie sollte ich damit leben? Wäre ich doch bei Leticia geblieben!

Allein konnte ich die „Mary Celeste“ nicht segeln. Mir ging es nicht so gut und ich hatte vollkommen die Zeit vergessen und die Orientierung verloren, als sich einige Tage später ein fremdes Schiff näherte. Ich geriet in Panik und sprang vor Angst ins Meer. Ich entfernte mich so schnell, wie ich nur konnte von der „Mary Celeste“. Wenn ich als einzige Person an Bord entdeckt wurde, machte es mich automatisch zu einem Verdächtigen, der für das Verschwinden der anderen Besatzungsmitglieder verantwortlich gemacht werden konnte. Eine Anklage als Mörder war möglich. Und würde man mir meine Geschichte glauben? War ich überhaupt unschuldig? Oh, Mann.
So wurde die „Mary Celeste“ zu einem der berühmtesten Geisterschiffe, um die sich später viele Geschichten rankten. Briggs, seine Familie und die übrige Besatzung gelten bis heute als verschollen bzw. ertrunken. Und über den Grund gibt es nur Vermutungen. Euch, Kinners, will ich jetzt die ganze Wahrheit berichten.
Niemand von der „Mary Celeste“ ist ertrunken, wie ich viele Jahre später erfuhr. Mann, was tat das meiner Seele gut! Es stimmte schon, dass sich das Boot während des Sturms losgerissen hatte, aber Kapitän Briggs navigierte es geschickt zurück zur brasilianischen Küste. Alle waren wohlauf. Aber plötzlich sahen einige von ihnen die Möglichkeit ihre Vergangenheit zurückzulassen und unter falschem Namen ein neues, unbelastetes Leben zu beginnen. Sie meldeten sich nicht bei den Behörden und blieben für alle Zeiten verschollen. Gilling wurde zum Beispiel von mehreren Vaterschaftsklagen verfolgt, die Familie Briggs war hoch verschuldet und Gottlieb wollte einfach nur in Südamerika von vorne anfangen. Arian verwirklichte seinen großen Lebenstraum und ging als Testtrinker nach Curacao. Und Richardson traf ich einmal irgendwo zwischen Gibraltar und dem Kap der Guten Hoffnung, wo er als Missionar versuchte Seeleute zum rechten Glauben zu bekehren. Ich weiß nicht mehr, welcher Religion er angehörte, aber er schien glücklich zu sein. Nur die Lorenzen-Brüder traf ich nie. Als ich einige Jahre später Arian Martens wieder sah, der gerade seine achte Entziehungskur erfolgreich hinter sich gebracht hatte und seine Arbeit bald wieder aufnehmen wollte, erzählte er mir, dass Volkert und Boy gemeinsam ein Haus für gefallene Mädchen in Sao Paulo führten. Ich hätte nie gedacht, dass diese beiden sehr schweigsamen Männer solche Schwerenöter waren.

So, nun kennt ihr die wahre Geschichte der mysteriösen „Mary Celeste“. Ich habe die Wahrheit bisher nie jemandem erzählt, da mein Aufenthalt auf dem Schiff für mich wirklich kein Ruhmesblatt gewesen ist. Aber nun ist es heraus und ich fühle mich wohler.