Urschriften


Häh, Urschriften?
Ich nenne sie nur so, Kinners.
Es sind Geschichten, die auch Eingang in meine Bücher fanden, aber hier "wahllos" ausgewählt und noch in unbearbeiteter Form präsentiert werden. Orthografische Fehler möge man mir bitte verzeihen. Danke und viel Spaß.


Der blanke Hans

Na, Kinners, heute will ich Euch wie angekündigt vom „Blanken Hans“ erzählen. Der blanke Hans ist in der Seemannssprache die Bezeichnung für die drohende Nordsee, wenn Sturmfluten die Deiche bedrohen und alles Leben hinter dem Deich und natürlich auf See gefährden.
„Der blanke Hans kommt!“, heißt es dann.
In den Büchern steht, daß Seeleute zur Abwehr des drohenden Unheils den Heiligen Johannes anriefen – nicht per Handy, was denkt Ihr denn? – , aber daraus soll sich mit der Zeit die Bezeichnung für das Unheil selbst gebildet haben. Aber das ist totaler Quatsch. Denn ich war damals selbst dabei, als der blanke Hans erstmals in Erscheinung trat. Glaubt Ihr nicht? Aber es stimmt!
Es muß um das Jahr 1550 herum gewesen sein, als ich Johann Habakuk Dettjen aus Freschluneberg kennenlernte, der damals das Café Habakuk in der Bremerhavener Innenstadt betrieb. Meine Freundin Hertha und ich waren dort Stammgäste. Er war ein sehr fröhlicher und enorm korpulenter Mensch. In seinem Café trafen sich die Intellektuellen Bremerhavens und Umgebung. Ja, ja, ist gut! Ich gehörte natürlich nicht dazu, aber trotzdem kannte ich Johann – kurz Hans – Habakuk Dettjen sehr gut, und wir beide hatten eine heimliche Leidenschaft, die in der damaligen Zeit schon maßlos fortschrittlich genannt werden konnte. Und diese Leidenschaft teilten wir mit einigen Intellektuellen. Wenn wir dieser frönten, fühlten wir uns wie revolutionäre Pioniere, die kurz vor einer drohenden Exkommunizierung standen. Wir lachten dabei und freuten uns wie kleine Kinder. Mach hin, sagt jemand? Ist gut, ist gut, ich verrate Euch, was uns so eine große Freude bereitete.
Wir hatten schon im Frühjahr den ersten FKK-Verein Norddeutschlands gegründet. Der alte Schmietwech als Nudist? Hahaha. Lacht ruhig, bitte! Aber ich war auch einmal jung und schön. Wird das Lachen lauter? Ist gut, also nur jung. FKK – Freie Körperkultur im wahrsten Sinne des Wortes! Um die Etikette zu wahren, hieß unser Verein offiziell: Freschluneberger Klöppel-Kreis (FKK). Klöppeln war damals bei den Damen der Gesellschaft große Mode. Wir acht Vereinsmitglieder trafen uns jeweils zur Abenddämmerung an der Lune und badeten nackt, wie Gott uns schuf. Unsere Damen waren nur als Begleiterinnen zugelassen und warteten züchtig gekleidet – wie es die damalige Zeit gebot – am Lunestrand. Wir Männer taten etwas Ungesetzliches und wollten unsere Frauen bzw. Freundinnen nicht zu Mittätern machen. Es war wirklich nicht ungefährlich was wir taten, und das spürten wir bald am eigenen Leibe, spätestens als der Pfarrer Fritz Fürchtenichts von unserer Sache Wind bekam. Auslöser war natürlich eine eifersüchtige Frau, die im Beichtstuhl von unserem großen Vergnügen berichtete und den tugendhaften Pfarrer auf den Plan rief.
Er lauerte uns mit einigen Gefolgsleuten eines abends auf, gerade als wir dabei waren uns unserer Kleider zu entledigen. Sie trieben uns quer durch das Schilf. Neben Pfarrer Fürchtenichts tat sich bei unserer Verfolgung besonders die nicht mehr ganz taufrische und ziemlich füllige Witwe Messerknauf hervor, die erbarmungslos neben dem Pfarrer lief und uns beschimpfte. Als wir Sünder uns schwer atmend im Schilf teilten – Dettjen und ich waren schon vollkommen entblößt – nahm die Witwe Messerknauf mich ins Visier. Sie hetzte wie eine Furie hinter mir her, aber schließlich konnte ich sie doch abschütteln. Ihr hättet es bestimmt lieber gesehen, wenn sie mich erwischt hätte, richtig? Aber damals war ich noch gut in Form. Ja, doch, das stimmt, Kinners! Die Situation für Johann Habakuk
Dettjen war dagegen viel kritischer, denn der verbissene Fürchtenichts kam ihm immer näher. Aber Hans sprang in die Lune, als er das Ende des Schilfgürtels erreicht hatte. Eine gewaltige Bugwelle, die fast einer Flutwelle ähnelte, ausgelöst durch einen Bauchklatscher des korpulenten Cafebesitzers, schwappte über den Gottesmann zusammen, der entsetzt zurückwich, denn er haßte das feuchte Element, wie der Teufel das Weihwasser.
„Du hinterhältiger Philister!“ fluchend – eigentlich eine Ausdrucksweise, die eines Pfarrers unwürdig war – gab dieser die Verfolgung auf, als er sah, daß sein Kontrahent sich schwimmend entfernte.
In den folgenden Tagen und Wochen gab es ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Pfarrer mit seinen tugendhaften, entrüsteten Bürgern und uns Nudisten. Und jedesmal, wenn Fritz Fürchtenichts dachte, endlich Hans – den er als Rädelsführer ausgemacht zu haben schien – zu erwischen, entkam dieser immer wieder mit einem gewaltigen Bauchklatscher.
Der Pfarrer, der aus Berlin stammte, entwickelte mit der Zeit eine so große Angst vor der Flutwelle des Flüchtigen, daß er verzweifelt: „Der blanke Hans kommt,“ schrie, um seine Mitstreiter zu warnen. Aber jedesmal wurde er vollkommen naß und mit der Zeit ein richtiges Nervenbündel. Zwischendurch muß ich Euch wohl erklären, warum Fürchtenichts ihn als blank bezeichnete. Blank meinte er im Sinne für bloß bzw. entblößt. Diese umgangssprachliche Wendung stammt aus Berlin und bedeutet auch: Kein Geld mehr haben. Bei dieser Gelegenheit muß ich gleich etwas klarstellen. Die Meldungen in der Presse, daß Dettjen wegen hoher Schulden der blanke Hans genannt wurde, sind frei erfunden. Blank steht hier wirklich für entblößt, und das war er ja nun wirklich. Und das auch noch voller Überzeugung.
Ihr wollt nun natürlich wissen, ob mich die Witwe Messerknauf je erwischt hat? Fast! Es war schon Spätsommer, und die Tugendhaften versuchten verstärkt uns nun zu schnappen, denn bisher konnten wir immer wieder entwischen. Fürchtenichts und seine Leute mußten uns auf frischer Tat ertappen, um uns vor ein ordentliches Gericht zu zerren. Sie verbargen sich hinter uralten Weiden und warteten auf unseren Striptease. An diesem Tag war es recht kühl. Ich kann mich sehr gut an ihn erinnern. Ich hatte mich noch nicht vollkommen entblößt und trug noch meine – für die damalige Zeit – sexy – heute habt Ihr aber viel zu lachen, was? Kinners, Kinners! Also gut, lassen wir sexy weg und fangen noch mal von vorne an. Also, ich trug noch meine nicht gerade hautenge Badehose – gut so? – , die mir bis zu den Knien reichte, wie es im 16. Jahrhundert üblich war, als unsere Gegner wie die Wilden über uns herfielen. Johann Habakuk Dettjen, der Junglehrer Lüder Buntbarsch, mein damals bester Freund, und die anderen Vereinsmitglieder rasten nackt ins Schilf, während unsere Damen vor Schreck kreischten, als ich noch mit den Weiten meiner Badehose beschäftigt war. Und zwar einen Augenblick zu lang, denn die Witwe Messerknauf hatte mich schon am Hosenbund zu fassen bekommen. Ich versuchte mich loszureißen, aber sie hielt eisern dagegen. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte, aber die Witwe lockerte nicht ihren Griff. So entstand der erste String-Tanga der Welt. Schade, daß kein Modeschöpfer anwesend war. So mußten noch Jahrhunderte vergehen, bis sich dieses Kleidungsstück endlich durchsetzen konnte. Aber in diesem Moment dachte ich nicht an Mode, denn meine nun wirklich hauteng gewordene Hose trieb mir Unmengen von Schweißperlen auf die Stirn. Aber eine Unkonzentriertheit meiner Kontrahentin, als eine Libelle sie plötzlich umflog, nutzte ich um zu entkommen. Schimpfworte, wie „Bleib stehen, Du Drecksack, du Staubiger!“, verfolgten meine Flucht. Ich war endlich frei!
Auch an diesem Abend war Dettjen mit einem Bauchklatscher seinen Verfolgern entkommen. Der blanke Hans hatte wieder triumphiert.
Für ein paar Tage war meine Stimme seltsam hoch, aber das gab sich dann glücklicherweise bald wieder.
Pfarrer Fritz Fürchtenichts hielt von seiner Kanzel herab flammende Reden wider uns Nudisten, aber es gelang ihm nicht die Bevölkerung Bremerhavens gegen uns aufzubringen. Und wie geht es weiter, fragt Ihr? Geduld, Kinners, ich bin gleich fertig.
Vielleicht ein bis zwei Wochen nach der Vorführung des ersten String-Tangas – da lacht Ihr, was? – waren Lüder und ich gegen Mittag zu Fuß unterwegs. Wir wollten zu unserem Strand gehen, um nach dem Goldkettchen der sehr hübschen Freundin Lüders zu suchen, das diese am Vorabend dort verloren hatte. Auf dem Weg dorthin hörten wir Stimmen. Es waren Fritz Fürchtenichts und die Witwe Messerknauf, die Hand in Hand gehend ebenfalls zum Strand unterwegs waren. Lüder und ich versteckten uns schnell im Schilf, denn das „schöne“ Paar hatte uns nicht bemerkt. Wir wurden Zeuge eines historisch zu nennenden Ereignisses.
„Ich geniere mich so,“ sagte die Witwe Messerknauf, dabei blickte sie den Pfarrer zweifelnd an.
„Das brauchst Du nicht. Dieses ist ein wissenschaftliches Experiment, was unbedingt durchgeführt werden muß, liebe Isolde.“
„Wie sollen wir,“ fuhr er fort, „die Beweggründe vom blanken Hans und seinen Mitstreitern verstehen, wenn wir selbst dieses Gefühl nicht kennen, nicht einmal erahnen können!“
„Ist gut, Love,“ säuselte sie und drückte sich an den Pfarrer.
Dann sahen wir Fassungslosen wie die beiden turtelnd den Strand betraten und sich ihrer Kleider entledigten.
„Fritz, Lieber, ich geniere mich,“ sagte sie noch einmal.
Aber er half ihr geschickt beim Auskleiden. Und dann sprangen beide splitternackt in die Lune. Jauchzend spritzten die beiden Liebenden sich gegenseitig naß. Was für eine Szene! Die Tugendhaften mitten im Sündenpfuhl.
Lüder und ich sahen uns nur an, wir konnten nicht glauben, was wir da sahen. Und das des Pfarrers fleischliche Lust dazugeführt hatte seine extreme Wasserscheu zu überwinden, war schon bemerkenswert. Kurz entschlossen stürmten wir beide an den Strand und nahmen die Bekleidung der Witwe Isolde – wie wir jetzt wissen – Messerknauf und des Pfarrers Fritz Fürchtenichts an uns und rannten, so schnell wie wir konnten, zurück in die Stadt. Das Paar hatte den Kleiderdiebstahl nicht bemerkt. Dort begaben wir uns sogleich ins Café Habakuk. Hans, Lüder und ich beratschlagten kurz unsere Strategie. Na, könnt Ihr euch denken, was wir taten, Kinners?
Richtig! Wir nagelten die Kleider des Pfarrers und seiner Isolde Messerknauf fein säuberlich an das Kirchentor, und zwar so, daß es aussah, als würden die beiden vor dem Tore stehen und sich umarmen.
Ja, das war´s, Leute. Die Liebelei der Tugendhaften wurde zum Stadtgespräch für viele Jahre. Bremerhaven sah den Pfarrer und seine Geliebte nie wieder und ließ uns Nudisten für alle Zeiten gewähren. Wie ich hörte ist das Paar in die Neue Welt ausgewandert, wo er sich als Laienprediger profilierte, während sie einen „Hau-den-Lukas“, der ursprünglich „Hau-den-Habakuk“ geheißen haben soll, betrieb.
So entstand der Begriff „Blanker Hans“, der erste FKK-Verein fand in Norddeutschland seine Gründung, und der String-Tanga wurde kreiert.
Oder so ähnlich.
Nicht wahr?



Hein Mück aus Bremerhaven oder
Die prämierte Unnerbüx

Na, Kinners. Heute will ich Euch von Hein Mück erzählen, der die Symbolfigur Bremerhavens ist. Und das Tolle an ihm, ihn hat es wirklich gegeben. Er ist keine Kunstfigur, wie einige Städte sie oft kreieren, oder eine Märchen- oder Sagengestalt. Hein Mück war während der schönen Segelschiffszeit ein Seemann aus Bremerhaven, der immer hungrig war, und es liebte auf seinem Quetschbüdel – auch Ziehharmonika oder Akkordeon genannt – Shanties zu spielen. Es gibt – fällt mir gerade ein – noch eine vierte Bezeichnung für dieses Musikinstrument: Schifferklavier. Was hört sich besser an: Schifferklavier oder Quetschbüdel? Heutzutage wird so etwas in einem Forum im Internet diskutiert. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Hein Mück war ein fröhlicher, lustiger Mensch, der den Schalk – nicht den dicken Schalck-Golodkowski – im Nacken hatte. Er hieß Heinrich Soltziem, denn Hein Mück war nur sein Spitzname, den er 1901 auf der „Hanna Heye“ erhalten hatte. Die anderen Matrosen gaben ihrem beliebten Kameraden einen Spitznamen als Anerkennung für seine Lebensfreude und Unbekümmertheit, und natürlich seines musikalischen Talents wegen. Hein weil er Heinrich hieß, und Mück nach der Muck, so nannte man an Bord den Essenstopf, den sich der Schiffszimmermann Heinrich Soltziem immer zweimal füllen ließ. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose bei der Marine- und Artillerieabteilung auf Fort Brinkamahof. Später arbeitete er bei der Rickmers Werft. Der Name des beliebten Matrosen Hein Mück fand bald als Sinnbild eines fröhlichen und freien Seemanns Eingang in den Wortschatz der Seeleute und Hafenarbeiter.
Als in den 30er Jahren der Texter Charlie Amberg und der Komponist Willy Engel-Berger den Namen aufgriffen, und daraus ein Lied machten, wurde Hein Mück und mit ihm Bremerhaven berühmt. Lale Andersen, Bremerhavens bekannteste Tochter, Hans Albers und die Drei Peheiros sangen es.

Der Text:

Hein Mück
Text: Charlie Amberg / Musik: Willy Engel-Berger

In den fernen Zonen
wo nur Menschen wohnen
sogar im wilden Feuerland,
kennt man Hein Mück von der Waterkant!
Er ist ein Matrose
mit `ner weiten Hose
die Mädchen geraten ganz aus Rand und Band,
sehn sie Hein Mück von der Waterkant!
Backbord und Stüerbord!
Heut wird‘s mal wieder groß.
Stürmisch ist die Nacht,
heute ist der Deubel wieder los!

Hein Mück aus Bremerhaven ist allen Mädchen treu
er hat nur eine feste Braut und zwanzig nebenbei
Die eine in Havanna,
die andere in Hawaii
und auch in Nagasaki
Wartet eine Butterfly!
Sein Herz ist so groß,
Das Meer ist weit
Und fort ist er solange Zeit!
Hein Mück aus Bremerhaven
Hat bei den Mädchen Glück
doch seine alte Liebe ist
Und bleibt sein bestes Stück!

Aber was habe ich wieder damit zu tun, fragt Ihr? Tja, das will ich Euch mal kurz erzählen.
Das fing an, als ich Trutgunde Freifrau von Kitzelwitz bei einem Tanzwettbewerb im Gasthaus „Zur wilden Christiane“ in Geestenseth kennenlernte. Wir verstanden uns auf Anhieb, und als ich mit ihr dann auch noch den Walzer falsch herum tanzte, was damals verboten war, verliebte ich mich in die schöne dunkelhaarige Frau. Sie war beim Tanzen biegsam wie ein junger Zweig. Trutgunde war die einzige Tochter des Unterwäschefabrikanten Pippin Bernardino Freiherr von Kitzelwitz, der, als er von der – nennen wir es – Freundschaft seiner Tochter zu einem wesentlich – natürlich immer noch blendend aussehenden – älteren ... Ja, lacht ruhig! Auch laut, bitte. Ich kann es ertragen. Nun hört aber langsam auf und laßt mich weitererzählen. Also, noch einmal, zu einem wesentlich – jetzt laß ich, der bescheidene Jan Schmietwech, das mit meinem Aussehen weg, ist gut, ist gut, ich hab es verstanden – älteren Mann und auch noch ohne Adel hörte, sofort reagierte und seine Tochter nach Hause beorderte. Trutgunde lebte mit ihrer Familie irgendwo im Breisgau an der finnisch-deutschen Grenze. Oder so ungefähr. Sie nahm herzzerreißend von mir Abschied.
Eine Ausschreibung über die Namensgebung der Unterhose der Saison brachte mich wieder in die Nähe Trutgundes. Ich liebte schon immer die plattdeutsche Bezeichnung für Unterhose: Unnerbüx! Unnerbüx, was für ein Wort. So voller Romantik und Poesie. Unnerbüx, Kinners, laßt einmal dieses Wort auf eurer Zunge zergehen. Sprecht es ruhig aus – und zwar ganz langsam und mit frohem Herzen:
Un – ner – büx.
Ist das nicht schön? Ich reichte Unnerbüx ein, das sich wahrscheinlich für einen Süddeutschen sehr exotisch anhören mußte, und gewann. Ich reiste nach Süddeutschland um mir den Preis: Das zwölfteilige Unterhosenset „Kai“ abzuholen, und natürlich um Trutgunde wiederzusehen. Aber diese treulose Tomate hatte mich schon lange vergessen und schwadronierte in einem Restaurant mit einem Rittmeister – wohl arm, aber von adeligem Geblüt – herum. Der Begriff treulose Tomate entstand, als sie wie eine Tomate rot anlief, als sie mich gewahr wurde, und von der folgenden Tomatenschlacht, die in die Annalen einging. Die in die Öffentlichkeit getragene Darstellung der Familie Kitzelwitz zu diesen Ereignissen ist so nicht ganz korrekt, dort wird behauptet, das ich wütend einen in der Nähe stehenden Gemüsehändler sämtliche Tomaten abkaufte, und sie mit Schwung verteilend im Restaurant ließ. Na, habe ich mich nicht gewählt ausgedrückt? Richtig ist, das auch einige Gurken dabei waren, die schon bald das hübsche Gesicht Trutgundes verzierten.
Die größte Reinigungsaktion, die je in einem Restaurant durchgeführt werden mußte, hatte für den Wirt des „Lila Schwans“ auch noch etwas Positives, denn er entdeckte, als er sich um Trutgunde kümmerte, wie gut die Gurken ihrer Haut getan hatten. Einige Wochen nach der sogenannten Tomatenschlacht eröffnete der Wirt Alberto Forte in der Nachbarschaft einen Schönheitssalon, in dem speziell Gurkenmasken als Gesichtspackungen angeboten wurden. Dazu wurde den Damen Tomatensaft als Erfrischung gereicht. Als ich am nächsten Tag, kurz vor meiner Abreise, im wieder sauberen Lokal, sah, wie der Rittmeister meiner Ehemaligen liebevoll ein Schwarzbrot mit Schweinskopfsülze bestrich, und ihr dabei allerlei Nettigkeiten ins Ohr flüsterte, daher auch der Ausdruck: dieses Gesülze, landete der Rittmeister bei der Gelegenheit mit dem Gesicht zufällig in dem Topf mit der Schweinskopfsülze. Wie gesagt, es war reiner Zufall. Obwohl, ach, lassen wir das.
Aber was hat dieses alles mit Hein Mück zu tun, fragt Ihr berechtigterweise? Ja, das weiß ich im Moment auch nicht mehr so recht. Ja, genau, wegen der Unnerbüx natürlich! Jetzt fällt es mir wieder ein. Leute, ich bin eben nicht mehr der Jüngste, und außerdem: wer erinnert sich besonders gern an persönliche Niederlagen. Und meine kurze Begegnung mit Hein Mück fällt genau in diese Zeit. Und Eifersucht spielt natürlich auch mit hinein. Leider bin ich auch nicht frei von Eitelkeiten. Dieser alte Knecht spinnt, denkt Ihr? Auch ein alter Mensch hat ein Anrecht darauf eitel zu sein. Jawoll! Ach, denkt Ihr, daß ich auf den Rittmeister – er hieß, glaube ich, Kevin vom Schwitzenberg, oder so ähnlich, ein Name wie ein Rassehund, nicht wahr? – eifersüchtig war? Natürlich nicht! Auf Hein Mück war und bin ich noch heute eifersüchtig. Er wurde zur Symbolfigur Bremerhavens. Und ich? Nun werde ich aber ungerecht. Ach, was bin ich doch für ein schlechter Mensch.
Kennt Ihr den Ausdruck: Lacheknust oder Weineknust? Was ist das wohl? Oder Döötz? Ihr habt recht, ich will ablenken. Stimmt. Aber nun sagt mal? Lacheknust ist das erste Stück eines frisch angeschnittenen Brotes. Und Weineknust? Das letzte, Kinners. Und Döötz? Kopf! Ja, das hättet Ihr Binnenländer wohl nicht gedacht, nicht wahr? Döötz und Unnerbüx – sind das nicht herrliche Worte? Ach ja, Hein Mück. Was hat er eigentlich mit Trutgunde zu tun? Nichts! Na, seid Ihr neeschierig geworden? Wieder ein Fremdwort für Euch! Neeschierig bedeutet neugierig. Die einzige Verbindung zwischen Trutgunde und Hein Mück ist die Unnerbüx, aber natürlich keine spezielle oder gemeinsame. Und bevor Ihr mir einen „aufen“ Döötz haut, will ich Euch von meiner Begegnung mit Hein Mück erzählen.
Ich sah ihn einmal fröhlich lachend mit einer Unnerbüx in der Hand aus einer Hafenkneipe kommen. Er trug sie wie eine Trophäe, und soll sie beim Kartenspiel gewonnen haben. So hörte ich wenigstens. Wie, das war schon alles, beschwert Ihr Euch? Ja, das war meine einzige und äußerst kurze Begegnung mit Hein Mück. Aber dafür habe ich doch eine ganze Menge anderer Sachen erzählt, oder glaubt Ihr, ich habe etwa getünt? Tünen bedeutet lügen.
Und von einem Kurzlehrgang Plattdeutsch ganz zu schweigen!
So wurde aus einem einfachen Seemann die Symbolfigur Bremerhavens. Ach ja, tövt mal. Töven bedeutet warten. Und ich revolutionierte – das hätte ich fast vergessen – unbewußt die Schönheitspflege.
Oder so ähnlich.
Nicht wahr? Allns kloor? 


Seelotse Krusenbein und die Jakobsleiter

Mensch, Kinners. Habe ich Euch eigentlich schon mal etwas über die  Lotsen erzählt? Nein? Sauerei!
Dann fange ich mal mit dem lehrreichen Teil an. Ein Lotse ist in der Seefahrt meist ein erfahrener Nautiker mit mehrjähriger praktischer Erfahrung als Kapitän, der bestimmte Gewässer so gut kennt, dass er die Führer von Schiffen sicher durch Untiefen, vorbei an Schifffahrtshindernissen und den übrigen Schiffsverkehr geleiten kann. Sie fungieren somit als Berater für den Kapitän. Mit Lotsenbooten werden sie von einem Schiff zum anderen gebracht. Außerdem führen Lotsen in den Revierzentralen Radarberatungen über Funk durch. In vielen Gewässern besteht eine Lotsenannahmepflicht. In Deutschland gibt es See-, Hafen- und Flusslotsen, die sich in Lotsenbrüderschaften selbst organisieren, und die Lotsendienste auf dem jeweiligen Revier für die internationale Seeschifffahrt rund um die Uhr sicherstellen. Flusslotsen betreuen z.B. die Strecke von Bremerhaven bis Bremen. Neben diesen Lotsen gibt es noch den Überseelotsen, sowie in der Binnenschifffahrt den so genannten Hilfsschiffsführer.
Der Begriff Lotse kommt aus der Seefahrt vom englischen Loadsman, was Geleitsmann bedeutet. Die Engländer selbst nennen einen Lotsen Pilot. Den Deutschen den Namen Lotse geben, aber selbst einen anderen Begriff benutzen! Ja, so sind die Engländer!
Kinners, kennt Ihr eigentlich Jakob Krusenbein, meinen alten Kumpel aus großen Tagen? Ach, nein, wie könnt Ihr auch! Es muß um das Jahr 1780 – vielleicht auch 1790 – ich weiß es nicht mehr so genau – gewesen sein, als wir beide zusammen bei Madame Marie O’Graus während eines Wochenendseminars das Klöppeln erlernten. Was? Weiberkram? Uns hat es eben Spaß gemacht, Leute. Und nach so vielen Jahren werde ich mich jetzt auch nicht mehr dafür schämen!
Er war Kapitän auf Großer Fahrt, aber auch ein unruhiger Geist und notorischer Heimwerker, der an Bord ganze Luken – natürlich von innen – mit Holz verkleidete, die Masten mit Dämmung ummantelte – damals wurde lumpenähnliches Material verwendet, und das eine oder andere auch im Mannschaftslogis ausbesserte. Und wenn das getan war – natürlich neben seiner Tätigkeit als Nautiker – nahm er sich den Anker vor, und entfernte die sich darauf angesiedelten Muscheln. Nun hatte er handwerklich alles getan, was getan werden konnte, und seine Untergebenen begannen zu beten.
„Gnade uns, Gott,“ riefen sie zum Himmel, wenn sie sahen, wie Jakob Krusenbein von Tag zu Tag unruhiger und nervöser wurde, und schließlich seine Leute auch bei Kleinigkeiten mächtig anschnauzte. Dann konnte er auch ganz gewöhnlich werden und sagte schon mal einen Satz wie: „Ich wring’ Dir gleich deine Nudel aus.“
Und das war noch einer der netteren Sprüche, die er dann von sich gab. So war es schließlich reine Notwehr der Reederei, inklusiv aller Besatzungsmitglieder, ihn als Seelotsen wegzuloben. Und obwohl sich Jakobs Frau Meta vehement dagegen gewehrt hatte, gelang es, Jakob Krusenbein von Bord zu bekommen.
Natürlich begann er auch auf dem Lotsenschiff Renovierungsarbeiten durchzuführen, aber seine Aufenthaltszeiten auf dem kleinen Schiff waren nicht lang genug, um für große Unruhe unter den wartenden Lotsen zu sorgen. Und Kapitän Jakob Krusenbein wurde immer unzufriedener, bis er für sich die Strickleiter als Betätigungsfeld entdeckte. Denn ihm gefiel die langweilige Schlichtheit dieser Strickleitern nicht sonderlich, und er erinnerte sich dessen, was er mit mir zusammen im Klöppelkurs gelernt hatte.
Und bevor Ihr fragt, hier ist schon einmal die Antwort: Die Strickleiter entspricht von der Form her der normalen Holzleiter. Allerdings werden die beiden starren Holme aus Holz durch elastische Seile ersetzt, die Sprossen bleiben aber meistens weiterhin aus Holz. Der Vorteil dieser Leiter ist, dass man mit ihr auch krumme Erhöhungen erreichen, und dass sie platzsparend zusammengerollt werden kann. Die Strickleitern werden vor allem an Schiffen verwendet. Diese werden an der Bordwand heruntergelassen, so dass man hinaufklettern kann, und bei Bedarf auch wieder hinunter. Und gerade ein Seelotse benutzt diese Strickleitern mehr als häufig.
So begann er diese Strickleitern – auch bei starkem Seegang – wenn er nur irgendwie Zeit fand, mit vielen bunten Motiven zu verzieren. So entstanden farbenfrohe Strickleitern, die viele Lotsen zum Verweilen einluden. So kam es auch schon mal vor, dass ein Schiff Anker werfen musste, nur weil der Lotse einfach nicht an Bord kam, und stattdessen lieber jede kleine Verzierung an der Strickleiter in Ruhe betrachten wollte. Mit den Jahren bearbeitete Jakob Krusenbein voller Inbrunst hunderte – wenn nicht sogar tausende – von diesen Strickleitern, und es gab Kapitäne, die Jakob einluden, um auch ihre mit bunten Blumen verschönern zu lassen.
Den Namen Jakobsleiter erhielt sie vom Ständigen Vertreter des Vatikan am Hof des Bessarabischen Fürsten Barummi dem Übergroßen, Anastasios von der Bürzel, der von einem sinkenden Schiff nur mit der nackten Gewalt zweier Besatzungsmitglieder gerettet werden konnte, da er beim Abstieg in ein Rettungsboot von der wunderschön verzierten Strickleiter so überaus fasziniert war, dass er sie nicht verlassen wollte. Bevor die „Donna Maria da Gloria“, die auf dem Weg nach Ostia war, unterging, sandte er ein Stoßgebet zum Himmel, und besprengte die Strickleiter mit Weihwasser, was er ständig bei sich trug, und gab ihr, als er den Namen des großen Künstlers erfuhr, den Namen Jakobsleiter.
Ja, so war das mit Jakob Krusenbein, der manchmal sogar mich, der an sich ein ruhiger Mensch ist – wer lacht da? – manchmal nervös machte. Und so wurde aus der Strickleiter die Jakobsleiter. Ja, und Ihr wisst jetzt endlich, wofür ein Lotse gut ist.
Oder so ähnlich. Nicht wahr?

 

 

Der Lümmel

Na, Kinners! Heute geht es um einen wichtigen seemännischen Begriff, und nicht, wie Ihr vielleicht denkt, um Schweinkram. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein gewisser Ladislaus Flötenmeyer, der in meiner Nachbarschaft wohnte und einige Jahre bei mir im Hafen arbeitete.
Dieser Ladislaus Flötenmeyer war ein noch junger Mann, als ich ihm das erste Mal begegnete. Frauen hätten ihn wohl als hübschen Kerl bezeichnet, wenn er nicht immer so gewaltig gerülpst hätte, und das mit einer Kraft, die einem das Trommelfell zerstören konnte. Aber sonst war er fröhlich und liebte es seinen Freunden, die er trotz allem hatte, Streiche zu spielen. Darum wurde er auch nur liebevoll „der Lümmel” genannt, und nicht weil er einen besonders großen Piephahn hatte, obwohl ich dieses natürlich nicht beurteilen kann und will. Er war fleißig und konnte besonders gut mit unserem Kran umgehen. Das neue Leitpferd Theodor gehorchte Ladislaus Flötenmeyer mehr als mir. Was mich natürlich etwas wurmte. Aber wichtig war, daß der Hafenumschlag in Bremerhaven lief.
In seiner Freizeit tat er sich als Meister des Kürbis-Weitwurfs hervor, damals eine sehr beliebte Sonntagsbeschäftigung. Im Steckrüben-Golf war nicht ganz so erfolgreich, da blieb er hinter Balduin Schmalzkarsky, einem Armenier aus Kitzbühel, ewiger Zweiter.
An einen Streich des gebürtigen Südfriesen, dessen Mutter als Zugehfrau bei Pastor Besenbein in Kirchwistedt arbeitete, kann ich mich besonders gut erinnern. Es muß im November oder Dezember des Jahres 1710 gewesen sein. Damals legten sehr viele englische Schiffe an und löschten tonnenweise Plumpudding. Diese Ladung forderte unsere Kranpferde besonders, da der Plumpudding sehr schwer war. Als Ladislaus sah, wie ein englischer Seemann dem armen Theodor mit einem Plumpudding fütterte, kam Ladislaus leider zu spät, um dieses zu verhindern. Theodor machte während des Versuchs es zu verdauen einen unglücklichen Eindruck und seine Leistungsfähigkeit ließ entsprechend nach. Erst als die Pferdeäpfel seinen Körper verließen, ging es ihm langsam besser. Als einer meiner Assistenten und ich diesen gehaltvollen Mist entfernt hatten, nahm Ladislaus voller Tatendrang und wilder Gedanken die Verfolgung des Engländers auf, der humpelnd längst sein Schiff erreicht hatte. Der englische Seemann der „Hunter of any Animals” hatte nämlich ein Holzbein.
Entschlossen enterte Flötenmeyer das Schiff und zerschmetterte mit einem gewaltigen Schlag die Gehhilfe des Mannes. Zersplittert hing das Holzbein am Stumpf des Matrosen, der sich glücklicherweise beim Fallen nicht weiter verletzt hatte. Aber als die anderen Besatzungsmitglieder der „Hunter of any Animals” ihren Landsmann hilflos an Deck liegen sahen, war es um Ladislaus Flötenmeyer geschehen. Widerstand war zwecklos. Die Seeleute griffen sich den Südfriesen, der übrigens die damals größte Heftzweckensammlung - ein nervenaufreibendes Hobby - sein eigen nennen konnte, und banden ihn zwischen Baum und Mast fest. Meine Leute und ich konnten ihm nicht helfen, denn die Übermacht der englischen Seeleute, die nun auch noch Hilfe von den anderen Schiffen bekamen, war einfach überwältigend. Ladislaus Flötenmeyer hing nun als lebende Verbindung zwischen Baum und Mast. Dann stach das Schiff in See. Leider wehte es an diesem Tag auch noch sehr heftig, und um den armen Ladislaus drehte sich der nun schwenkbare Baum. Er machte die Sache unfreiwillig so gut, daß der Lümmel in die Seefahrt einzog. Denn bis zu diesem Tag hatte noch niemand an die Möglichkeit gedacht, einen senkrechten Bolzen zwischen Mast und Baum zu setzen, um den sich ein schwenkbarer Baum (Ladebaum, Baum eines Segels) drehen und so die Arbeit an Bord erleichtern konnte. Das durch Flötenmeyers Rülpserei das Schiff besonders schnell wurde, kann sich ja jeder denken, nicht wahr? Aber das er ein Jahr später von den Engländern engagiert wurde, um für sie den Admirals-Cup rülpsend zu erringen, ist vollkommener Blödsinn.
Also, um es einmal zusammenzufassen, dieses Verbindungsstück heißt nicht Lümmel, weil es wie ein Phallus-Symbol aussieht, sondern es ist nach Ladislaus Flötenmeyer benannt, der damals nach einem kurzen Törn von den innovativen Engländern freigelassen wurde.
Übrigens übergab ich dem holzbeinlosen Matrosen eine Kollektion zusammengebundener Laschhölzer, die ihm als Ersatz für seine Gehhilfe dienten. Nebenbei gesagt war sein Gang danach nicht sonderlich elegant, aber in der Not war es besser als nichts.
So entstand in der Seefahrt der Begriff Lümmel.
Oder wenigstens so ähnlich. Nicht wahr?



Lenzpumpe und Abluft oder:
Das Leben von Lenz und Anna Lüse

Ich lernte Anna Lüse am Abend des 21. April im Jahre des Herrn 1737 an der Volkshochschule kennen. Neunzehn Frauen und ich hatten einen Strickkursus für Fortgeschrittene – ja, ja, ist ja gut, Kinners, das findet Ihr lustig, ist klar – belegt. Aber um das Stricken geht es hier gar nicht, sondern um eine andere Begabung Annas. Aber dazu später.
Lenz Lüse war, als er Anna bei einem Gartenfest begegnete, ein erfahrener Seemann, der schon alle Meere befahren hatte. Ich selbst hatte, bevor ich ihn bei einer Goodwillparty des Vereins „Der verstörte Mann e.V.“ persönlich traf, schon viel von ihm gehört, denn der gute Lenz hatte sich als innovativer Fahrensmann erwiesen. Das hatte sich bei einem gewaltigen Orkan gezeigt, bei dem die „Dicke Bertha“ samt Besatzung fast untergegangen wäre, und wo andere sich schon längst aufgegeben hatten, zeigte Lenz, daß er Nerven wie Drahtseile hatte. Obwohl äußerst stabil gebaut, war er trotzdem sehr beweglich und rettete mit seiner virtuosen Pumptechnik das Schiff, in dem er das eingedrungene Wasser ganz allein wieder herausbeförderte. Nach dieser dramatischen Rettungsaktion begann er an der damals genutzten Pumpe herumzubasteln und entwickelte nach vielen Tests ein neuartiges Gerät, das später Lenzpumpe genannt wurde. Von nun an hieß es auch „lenzen“, wenn Wasser aus einem Schiff gepumpt werden mußte. Rastlos arbeitete Lenz Lüse an den Problemen, die ein gefährlicher Wassereintritt für ein Schiff bedeuteten, weiter. In den nächsten Jahren kamen weitere Erfindungen hinzu, wie zum Beispiel die Lenzpforte. Das ist eine verschließbare Öffnung in der Seitenwand eines Schiffes zum Ablaufen des Wassers. Und dann gab es noch den Lenzsack, ein von ihm entwickelter ...., Kinners, bitte, denkt an Eure Kinderstube, das ist kein Schweinkram! Der Lenzsack ist ein von Lenz Lüse entwickelter Treibanker. Nicht mehr und nicht weniger.
Mal was anderes zwischendurch. Wißt Ihr was ein Luschpäckchen ist? Nein, kein Lustpäckchen, Leute! Immer diese unreifen Bemerkungen, schämt Euch! Ein Luschpäckchen ist ein unordentlicher Seemann. Damit ist der gute Lenz Lüse aber wahrlich nicht gemeint.
Ich lernte ihn erst einige Jahre nach seinen Erfindungen kennen, und da war er leider schon sehr krank, denn die harten Jahre auf See und seine unstete Entwicklungsarbeit hatten ihn viel Kraft gekostet, so daß er ziemlich voluminös nur noch im Hause saß und – nennen wir es – Probleme hatte, die ich gleich näher erläutern werde. Aber als Lenz Lüse – „Der Lenz ist da“, hat übrigens mit dem Mann Anna Lüses nichts zu tun, das ist eine ganz andere Geschichte – seine innovative Energie verloren hatte, übernahm Anna mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit seine Kreativität.
Anna Lüses Mann Lenz litt in den letzten Jahren seines Lebens an fürchterlichen Blähungen, und gerade diese körperliche Schwäche ihres Mannes, hatte die findige Frau darauf gebracht, Messungen an ihrem Mann vorzunehmen. Sie maß die Abluft ihres Mannes morgens gleich nach dem Aufstehen, nach dem Frühstück, die Abluft nach dem Mittagessen, nach Kaffee und Kuchen am Nachmittag und schließlich auch seine Abluft nach dem Abendessen. Fein säuberlich notierte sie die Werte in ein kleines rotes Büchlein, daß sie niemals aus der Hand gab. Dann begann sie die Mengen der jeweiligen Abluft mit den verschiedenen Nahrungsaufnahmen zu vergleichen. Haarscharf annalüsierte sie die Krankheit – so konnte man sie wirklich bezeichnen, wahrlich kein Arschgebrechen, wie meine Oma gesagt hätte, wenn er mit aufgeblasenen Bauch hoffnungslos und Verständnis erheischend seine Frau anblickte, bevor wieder eine Woge Abluft von ihm ausgestoßen wurde. Na gut, helfen konnte sie ihrem Mann damit nicht, aber der Grundstein für ihre Analystenkarriere war gelegt.
Nicht umsonst wurden ihre Fähigkeiten Jahrhunderte später, als es erstmals anderen Wissenschaftlern gelang, ihr umfassendes Werk zu annalüsieren – wie es damals noch hieß, damit gewürdigt, daß diese Art der wissenschaftlichen Arbeit nach ihr benannt wurde. Aus annalüsieren wurde analysieren – eigentlich schade. Aber noch immer arbeiten nicht nur demoskopische Institute oder Beratungsfirmen nach den von Anna Lüse entwickelten Methoden.
Schon während des Strickens an der Volkshochschule beeindruckte sie mich mit ihrer Intelligenz. Es zeigte sich schon damals, daß sie eine Meisterin des Vergleichs war. Sie analysierte, wie es dazu kommen konnte, daß mein Leibchen – haha, lustig, lacht ruhig weiter, Leute, aber ich, daß sage ich hier ganz deutlich, stehe zu meinen Taten, so, genug – bei weitem nicht die Güte, des von ihr angefertigten Leibchens hatte. Über ihr Ergebnis möchte ich keine Aussage machen, Leute. Nein, schon allein aus ethischen Gründen.
So kam sie eines Tages in unseren Hafen und analysierte im Auftrage der Geschäftsleitung die Umschlagsaktivitäten. Es gab wohl sehr viel Zahlenmaterial, daß sie unserem Geschäftsführer Papadoupoulos Jantzen vorlegen konnte, und es wurde tatsächlich auch versucht Arbeitsabläufe zu optimieren, aber entweder waren die angedachten Maßnahmen nicht durchführbar, da einfach zu theoretischer Natur, oder es fehlte zur Umsetzung einfach das Geld. Immerhin kam die gute Anna auf eine Idee, die dem heutigen Leasing sehr ähnlich ist. Sie prägte den Begriff: „Stapeln auf Pump“ – kurz: SaP. So mieteten wir also unsere Gabelstapler und zahlten mit Naturalien zurück. Was für Naturalien, fragt Ihr? Natürlich Pferdeäpfel, Kinners. Auch neue, junge Kranpferde kamen so zu uns. Unsere Facilities – wie man heute schlau und weltgewandt sagt – wurden somit moderner und den Anforderungen, die die Verladerschaft an uns stellte, gerechter.
Anna Lüses Karriere nahm in der Folgezeit ein Ausmaß an, daß ihr vereinsamter Mann Lenz eines Tages einfach zerplatzte. Gut, das das Paar kinderlos geblieben war, aber trotzdem belastete sein Ende doch die Arbeit Anna Lüses nachhaltig. Sie fiel in eine tiefe Depression, bedingt nicht nur durch den großen menschlichen Verlust, der auch mich traf, da ich mich als Freund der Familie bezeichnen konnte, sondern auch durch die nun anstehenden und kaum zu bewältigenden großen Reinigungsarbeiten daheim. Der arme Lenz Lüse.
Erst eine neue Liebe zu dem Koloratursopranisten Anna Konda – natürlich ein Künstlername, Kinners – ließ ihre alte wissenschaftliche Neugier wieder erwachen.
Anna Konda, der beim Stadttheater unter Vertrag stand, und der, wie Ihr euch sicher denken könnt, auf der Bühne permanent Frauenrollen übernehmen mußte, hatte ein ähnliches Problem, wie der verblichene Lenz Lüse. Konda liebte Kohlsuppe – eine Spezialität seiner Mutter Pandora, die als junge Frau einst das Matterhorn bestiegen hatte, worauf neun Monate später ihr Sohn, der spätere Anna Konda, zur Welt kam – die ihn aber Entlüftungsprobleme bereitete, und die dazu führten, daß die austretenden Winde seinen Seidenrock aufflattern ließen, und das wiederum wirkte auf der Bühne nicht sehr elegant. Von den Gefühlen der anderen Sänger und Schauspieler ganz abgesehen, die sehr sensibel reagieren konnten.
By the way, – ja, ja, etwas internationales Flair wollte ich noch hineinbringen – eigentlich muß es nicht „das Matterhorn“ heißen, sondern den Matterhorn, genauer den Max Matterhorn, einen Skilehrer, der aus Hinternzarten stammte.
Somit konnte Anna Lüse ihre Analysen, die sie mit dem Tode ihres Mannes eingestellt hatte, wieder aufnehmen. Viele Jahre später nutzten Entsorgungs- und Schädlingsbekämpfungsmittelfirmen die Erkenntnisse, die Anna Lüse in vielen Jahren der Forschung erarbeitet hatte, gewinnbringend. Und zum Wohle der Menschheit – das hatte ich fast vergessen.
So wurde das Lenzen revolutioniert, und Unmengen von Analysten fielen von nun an über uns Menschen her.
Oder so ähnlich. Nicht wahr?


Die Erfindung des Gabelstaplers

Die Bezeichnung Gabelstapler (kurz: Stapler, englisch: Forklift) rührt nicht daher, daß ein Gerät, ausgestattet mit Gabeln, Lasten stapelt, sondern ist ein Produkt sprachlicher Vergewaltigung. Der Begriff Gabelstapler erscheint logisch. Er stapelt mit Hilfe von Gabeln Lasten! Vollkommen richtig, aber die Ursprungsbezeichnung ist nicht korrekt. Und warum das so ist, will ich Euch nun erklären.
Im Hafen wird spaßeshalber der Gabelstapler auch Stabelgabler genannt, und das ist – Ihr werdet mir wahrscheinlich nicht glauben – der richtige, ursprüngliche Name dieses Geräts. Wie aus Stabelgabler Gabelstapler wurde ist mir leider nicht bekannt, aber den Erfinder des heutigen Gabelstaplers habe ich persönlich kennen gelernt. Es war der Pfarrer Gotthold Maria Stabel von der St. Blasius-Gemeinde zu Visselhövede, der mir anläßlich der Vermählung meiner Cousine zweiten Grades, Meta Schmeckebier aus Spieka, mit dem Fußlappenfabrikanten Karl Pilzmeier aus dem Mecklenburgischen, seinen gerade fertiggestellten Stabelgabler vorführte. Er nannte ihn damals noch Stabelheber, aber ich überzeugte ihn davon, daß das phänomenale Gerät eigentlich nur Stabelgabler heißen könnte, denn die zwei sich hoch und runter bewegenden Metallteile sahen wie überdimensionierte Gabeln aus, und hatten - wie sich jeder vorstellen kann - eigentlich annähernd auch den gleichen Zweck wie eine zum Essen benötigte Gabel. Außerdem dachte ich an Karl Pilzmeier, den ich bereits einmal beim Essen beobachten konnte, und wo mir gleich durch den Kopf schoß, daß dieser Mann normalerweise eine größere Gabel nötig hätte, denn er war ein ziemlicher Grobmotoriker, dem laufend, egal ob Fleisch, Gemüse oder Kartoffeln, alles wieder von der Gabel fiel. Stark kurzsichtig schien er auch zu sein, aber das hat mit dieser Geschichte rein gar nichts zu tun. Also vergessen wir nun Karl Pilzmeier, dessen zweiter Vorname lustigerweise Gernegroß war, und meine Cousine Meta und schauen wir wieder auf die famose Erfindung Pfarrer Gotthold Maria Stabels.
Es war übrigens Anfang September im Jahre des Herrn 1731, als der Pfarrer in Visselhövede von der St. Blasius-Gemeinde diesen praktischen Heber mit den zwei Gabeln erfand, die dank eines integrierten Flaschenzuges Lasten bis zu 100 kg Gewicht in eine Höhe bis zu drei Metern heben konnten. Der Prototyp hatte wohl eher das Aussehen eines Rollwagens, aber für Pfarrer Stabel bedeutete er alles.
Er benötigte diesen Stabelgabler um in seine Kanzel zu gelangen, denn die Treppe dorthin war vor kurzem von marodierenden Ministranten zerstört worden, und eine Leiter konnte er nicht benutzen, da er unter einer schweren Gicht litt. Der Kirchendiener Arnulf Hüftlein, der zu Füßen der Kanzel den Stabelgabler bediente, wurde zum ersten Staplerfahrer der Welt.
Noch heute werden die Fahrerkabinen von Kränen, Baggern, Staplern und Baumaschinen Kanzeln genannt.
Und es gibt Gabelstapler in allen Größen, und auch sogenannte Reachstacker, die mit speziellen Geschirr in der Lage sind Container zu bewegen.
In späteren Jahren erfand dieser findige Pfarrer viele nützliche Dinge, die noch heute in Gebrauch sind, wie zum Beispiel das Haarnetz und das Haargel.
Pfarrer Gotthold Maria Stabel hatte die Angewohnheit bei seinen flammenden Predigten, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, seinen Kopf hin und her zu werfen, und sein langes, wallendes, weißes Haar flog dabei wie wild um seinen Kopf, und manchmal passierte es, daß sein schönes Haar in seinen buschigen Augenbrauen hängen blieb, was ihn wiederum dabei behinderte, seine Gemeindemitglieder bei seinen religiösen Belehrungen scharf in die Augen zu blicken. So erfand er das Haarnetz. Er stellte es selbst her und veräußerte es zu Gunsten einer Kollekte – ich glaube sie hieß damals: Wider der menschlichen Einfalt und hin zu Gott – an seine Gemeindemitglieder. Bald wurde es zu einem Verkaufsschlager und fast alle Damen – nicht nur aus Visselhövede – trugen Haarnetze des Pfarrers, der sich darüber natürlich sehr freute, besonders wenn er an die Kollekte dachte, die hauptsächlich der gemeindenahen Anstalt Gefallener Mädchen e.V. zu Gute kam. Die Anstaltsleiterin Brombeeria Beisser war eine der größten Fans – wie man heute sagt – des Pfarrers, der dank seiner flammenden Predigten und seiner engagierten Reden in der Gemeinde viele Bewunderer hatte.
Aber als er ständig die Damen seiner Gemeinde mit den Haarnetzen sah, und er der einzige Mann war, der ebenfalls ein Haarnetz trug, auch wenn er es nur während der Gottesdienste benutzte, empfand er seine Erfindung doch als zu weiblich, und er produzierte das erste Haargel. Eine geheime Tinktur, dessen Inhaltsstoffe er niemals preisgeben sollte. Als Student in Paderborn hatte er neben der Theologie auch einige Jahre Vorlesungen über Chemie besucht, und die daraus gewonnenen Erkenntnisse setzte er nun in die Tat um. Aber wie sollte es anders sein, die Bezeichnung Haargel ist ebenfalls nicht die richtige. Pfarrer Gotthold Maria Stabel nannte seine Erfindung Haargelb, da es sein wallendes weißes Haar gelb verfärbte. Er nahm es gerne in Kauf, denn sein Haar klebte nun förmlich an seinen Kopf, und er konnte sein Haupt hin und her werfen, ohne das es seinen Blick beeinträchtigte, wenn er oben auf seiner Kanzel stand, und der Gemeinde Geschichten aus der Bibel vortrug oder soziale Mißstände in der Stadt beanstandete.
Als später der Chemiker Ingbert Schwarzkopf die Gelbtönung aus der Tinktur herausfiltern konnte, wurde aus dem Haargelb das Haargel. Angeblich weil Schwarzkopf ´s Verlobte Angela hieß, die er liebevoll nur seine Gel nannte. Übrigens soll die spätere Angela Schwarzkopf fettiges Haar gehabt haben, so daß sie niemals das nach ihr umbenannte Haargel benutzte.
Noch heute erinnern sich die Visselhöveder gerne an Pfarrer Stabel, der ihnen noch zu Lebzeiten seine Haarnetz-Produktion vermachte. Und das Haarnetz Marke „Gotthold forever and ever“ ist seit Jahrzehnten der Marktführer.
So wurde der Gabelstapler, das Haarnetz und das Haargel erfunden.
Oder so ähnlich. Nicht wahr?