Leseprobe


Korbinian Knülle

Der Schlüpfer und das Suppenhuhn

- Marzipan-Randys unmögliche Kriminalfälle -

Marzipan-Randy und der Postraub

Niedlich und Knülle wurden eines schönen Morgens zur Oberpostdirektion gerufen. Kriminelle Elemente hatten eine neue Einnahmequelle für sich entdeckt. Es ging um das Aufstellen von illegalen Postkästen. Ein bisher einmalig ausgeführtes Verbrechen.
„Wer kommt nur auf so einen Schwachsinn“, raunte Marzipan-Randy Knülle zu, als sie Oberpostrat Theodor Müllmeyer, der dem Aussehen nach kurz vor seiner Pensionierung stehen musste, gegenübersaßen.
„Schwachsinn?“, fragte der Oberpostrat pikiert, „was ist daran Schwachsinn, mein Herr?“
„Es ist ein sehr aufwändiges Verbrechen mit eventuell nur geringem Erfolg“, rechtfertigte Kommissar Niedlich sich und schaute Oberpostrat Müllmeyer belustigt an.
„Es wird immer wieder Geld in normalen Briefen verschickt. Warenproben und ach, es gibt vielerlei Dinge, die in den Postversand gehen“, sagte Müllmeyer schwärmerisch, „es kann durchaus lukrativ sein, es zu durchsuchen.“ 
„Ja, ja“, beschwichtigte Marzipan-Randy und schaute seinen Assistenten hart an, „wo fangen wir an, Knülle?“
Und dann wandte er sich – ohne auf eine Antwort zu warten – wieder an den Oberpostrat: „Und Sie sagen, dass die Postkästen immer an anderen Stellen in der Stadt auftauchen? Und woran können wir die illegalen Kästen erkennen? Und wo befinden sich im Moment die postfremden Brief- oder Postkästen?“
Selbst für Marzipan-Randy waren es sehr viele Fragen auf einmal, aber der ältliche Oberpostrat Theodor Müllmeyer war bereit sie zu beantworten: „Immer woanders. Jeder Postbeamte erkennt die illegalen Kästen aber mit einem Blick. Im Moment in der „Bürger“ Ecke Lloydstraße und Weserstraße Ecke Lindenallee.“
„Knülle, Sie bewachen den Briefkasten an der Lindenallee und ich nehme mir den an der Lloydstraße vor. Irgendwann müssen die beiden ja geleert und abtransportiert werden. Nicht wahr, Knülle“, fragte Marzipan-Randy voller Elan.
„Jawohl, Chef.“
Knülle und Niedlich bekamen je einen Postboten zur Seite gestellt, schon allein um nicht versehentlich eine Dienstperson zu verhaften oder einen falschen Briefkasten zu bewachen, was sehr peinlich gewesen wäre.

Marzipan-Randy langweilte sich zu Tode und unterhielt sich intensiv – soweit es eben ging – mit dem Postbeamten, der ihn dann aber pünktlich um 15.30 Uhr verließ und Feierabend machte. Bei der Post sollte man sein, dachte der Kommissar und war überrascht, wie viele Briefe in den Postkasten wanderten. Immer wieder kamen Leute heran und warfen ihre Sendungen ein und wunderten sich überhaupt nicht über den neuen Briefkasten, der einem normalen gelben täuschend ähnlich sah. Marzipan-Randy stand nur ungefähr 50 Meter von dem Objekt entfernt und hatte schon vor längerer Zeit sein letztes Leckerli verspeist und lange konnte er es ohne Marzipan nicht durchhalten. Wer weiß, wann der Verbrecher seinen Kasten leeren würde? In der Nähe war ein bekanntes Süßwarengeschäft und Niedlich konnte sich nicht dagegen wehren… das heißt, er wollte sich einfach nicht dagegen wehren. So verließ er seinen Posten und strebte dem Geschäft mit eiligen Schritten entgegen. Glücklicherweise hatten sie dort Marzipankartoffeln und riesige Marzipanbrote. Er kaufte reichlich und ging zu seinem Posten zurück. Der Briefkasten war weg! Scheiße, dachte er nur, Scheiße, Scheiße, Scheiße. Gerade ihm musste so etwas passieren. Er schob sich eine Marzipankartoffel in den Mund und machte sich auf den Weg zu Knülle. Vielleicht hatten sie ja dort Glück. 
„Na, Knülle, hier hat sich wohl noch nichts getan“, fragte Niedlich seinen Assistenten listig einige Minuten später.
„Nein, Chef. Und bei Ihnen?“
„Ach, Knülle, ich kam zu spät! Plötzlich war der Kasten weg“, antwortete der Kommissar und schob sich wieder eine Marzipankartoffel in den Mund, „aber ich nehme an, dass hier gleich was passieren wird.“
„Wie weg“, fragte Knülle vorsichtig.
„Mensch, Knülle, ich war nur kurz pinkeln“, log Marzipan-Randy, „tja, Berufsrisiko! So habe ich die Verbrecher verpasst.“
„Ärgerlich“, antwortete Korbinian Knülle und dachte an seine Blase, die ihn auch schon seit einiger Zeit quälte, „darf ich denn auch eben?“
„Was?“
„Pinkeln!“
„Na, gehen Sie schon“, sagte Marzipan-Randy gönnerhaft, „aber beeilen Sie sich. Wie gesagt, vielleicht gibt’s hier gleich Äkschn.“
„Jawohl“, sagte Knülle schnell und rannte schon los.
Und kaum war sein Assistent verschwunden, hielt hinter dem verdächtigen Objekt ein Klein-Lkw, der mit mobilen Toilettenhäuschen beladen war.
„Eine perfekte Tarnung“, brummte Marzipan-Randy anerkennend.
Ein untersetzter, glatzköpfiger Mann stieg aus und sah sich nach allen Seiten um. Er wartete ungeduldig, bis eine alte Dame ihren Brief eingeworfen hatte und ergriff dann eilig den Postkasten und legte ihn, der ziemlich schwer schien, zu den Toilettenhäuschen auf die Ladefläche und fuhr schnell davon. Niedlich hatte sich in der Zwischenzeit das Kennzeichen notiert, war in seinen Dienstwagen gestiegen und nahm routiniert die Verfolgung ohne Knülle auf. Die Ampelschaltung in der Stadt half dem Kommissar, so dass er das verdächtige Fahrzeug immer im Auge behielt. Dann verließ der Klein-Lkw die Stadt. Nach gut einer halben Stunde Fahrt erreichte der Verdächtige ein einsames Gehöft. Das Anwesen schien etwas heruntergekommen zu sein. Marzipan-Randy hatte den Posträuber vorsichtig und mit großem Abstand verfolgt und blieb nun hinter großen Eichbäumen stehen und beobachtete von dort den Verbrecher, der seinen Klein-Lkw in eine alte, abbruchreife Scheune fuhr. Niedlich schlich nun langsam zur Scheune und blickte durch eine Fensteröffnung hinein. Der Verdächtige hatte inzwischen die beiden Briefbehälter abgeladen und öffnete sie. Hunderte Briefe kamen ihm entgegen. Mit geschickten Händen sortierte der schon ältere Mann die Post. Es gab große und kleine Briefsendungen. Sogar kleine Päckchen hatten sich in den Postkästen befunden. Der Mann betastete jede einzelne Sendung und verteilte sie auf verschiedene Stapel. Der Kommissar, der leicht gebückt am Fenster stand und dem daher sein Rücken etwas wehtat, schob sich nun befriedigt ein Stück eines mächtigen Marzipanbrotes in den Mund und informierte Knülle per Mobiltelefon von der Entwicklung des Falles. Denn er war praktisch gelöst. Marzipan-Randy wartete nun nur noch auf seinen Assistenten und eine Streifenwagenbesatzung, damit der Mann verhaftet werden konnte. Niedlich war kein Freund von Alleingängen mehr, nachdem er vor einigen Jahren bei der Verhaftung eines Verdächtigen einen ganzen Beutel Marzipankartoffeln in der Weser verloren hatte und er fast einen ganzen Tag lang keinen Nachschub bekommen konnte. Seitdem ließ er die Äkschn von seinen Assistenten und den normalen Streifenpolizisten erledigen. Warum etwas riskieren?
Der Posträuber hatte inzwischen einige Briefe vorsichtig geöffnet und darin auch einiges an Geld gefunden. Es schienen mehrere 100 Euro zu sein. So ein leichtsinniges Volk! Nun setzte der Verdächtige Wasser auf. Er will einen Kaffee trinken, dachte Marzipan-Randy, hätte ich jetzt auch gerne. Aber weit gefehlt. Der Mann brauchte nur den Dampf um damit die Briefmarken von den Briefen zu lösen. Mein Gott, geht es ihm so schlecht, dachte Niedlich kopfschüttelnd. Sind ihm die Portokosten zu hoch? Das vorsichtige Ablösen der Marken ging dem Täter gut von der Hand. Er schien es schon oft getan zu haben.
Der Peterwagen und auch Knülle kamen nun ohne Blaulicht angefahren. Warum den Verdächtigen mit großem Tatü-Tata vorwarnen? Marzipan-Randy begrüßte die Männer kurz und betrat leise, aber entschlussfreudig die Scheune. Routiniert und vorschriftsmäßig lief die Verhaftung des Mannes ab, der sich widerstandslos festnehmen ließ. Bei der Feststellung der Personalien gab es für den Kommissar eine kleine Überraschung, denn der Mann hieß Bernhard Dimitri Dösbaddel. Was für ein Name! Und dass als Kleinunternehmer, der sich seinen kargen Lebensunterhalt mit dem Verleihen von Toilettenhäuschen verdienen musste. Und nun war dieser Dösbaddel straffällig geworden. Bis auf die Postsendungen kam bei der anschließenden Hausdurchsuchung kein weiteres Diebesgut ans Tageslicht, aber als Marzipan-Randy und Knülle im Wohnzimmer des Posträubers standen, bekamen sie ihre Münder dann vor Erstaunen nicht mehr zu.
„Da brat mir doch einer einen Storch“, entfuhr es Niedlich.
„Wahnsinn“, kommentierte Knülle nur sprachlos.
Unfassbar! Dösbaddel war dabei gewesen sein Wohnzimmer mit Briefmarken zu tapezieren! Eine Zimmerwand war bereits vollkommen mit Briefmarken beklebt und mit der zweiten Wand hatte er gerade begonnen. Eine Tapete aus Millionen von Briefmarken! Faszinierend. Unglaublich. Und was für eine aufwendige Arbeit!
Bei der Vernehmung gab er zu, dass er mal etwas anderes an den Wänden haben wollte. Eben ein richtiger Tapetenwechsel! Und die dafür erforderlichen Briefmarken waren in der normalen Anschaffung einfach zu teuer. So wurde er zum Kriminellen. Tja, nun gab es für ihn tatsächlich einen Tapetenwechsel, aber einen sehr rigorosen! Das Gefängnis. Die Tapeten dort und das gesamte Ambiente würden ihm sicherlich nicht besonders gut gefallen. Da war sich Marzipan-Randy sicher. 
Aber der Fall war nun glücklich abgeschlossen und Korbinian Knülle und Niedlich, der sich mit einem Stückchen vom Marzipanbrot belohnte, fuhren entspannt in ihr Büro zurück.